Auferstanden aus Ruinen: A. M. Homes entlarvt den American Dream

Die Amerikanerin A. M. Homes inszeniert in ihrem Roman «Auf dass uns vergeben werde» einen Bruderzwist. Es geht um Mord und Todschlag, um Schuld und Vergebung. Die Autorin leuchtet dabei genussvoll die Absurditäten der amerikanischen Upper-Class aus.

Luftaufsicht auf einen US-amerikanischen Vorort

Bildlegende: Hinter dem amerikanischen Traum verbirgt sich Bedrohliches: A.M. Homes zeigt einen trügerischen Frieden. Flickr/Rachel Elaine

George, der Choleriker, ist der Heissporn des Brüderpaars. Als Unterhaltungschef eines Fernsehsenders in New York stellt er Geld und Erfolg über alles. Bruder Harry ist das sanfte Gegenstück. Er ist Historiker, Spezialist für den Ex-Präsidenten Nixon und er unterrichtet an einem College. Harry ist merklich weniger ambitioniert.

Drei Leichen und ein Kollektivtrauma

Der Auftakt zum Desaster ist fulminant, wie in einem grossspurigen Hollywood-Film. George verursacht einen Autounfall. Dabei stirbt ein Ehepaar. Dessen Sohn Ricardo überlebt. Anschliessend wird George von einer psychiatrischen Luxusklinik in die andere verschoben.

Derweil zieht Harry schon einmal bei seiner Schwägerin Jane ein. Natürlich wird daraus eine Affäre. Eines Nachts aber taucht völlig unerwartet George in der Villa auf. Er überrascht Harry mit seiner Ehefrau Jane im Bett. Ist es Zufall, dass er Jane mit einem Lampenschirm erschlägt und Harry verschont? Es bleibt offen.

Mit Tempo erzählt

Dann geht es Schlag auf Schlag. Nach Georges polizeilich eskortiertem Abzug zieht Harry ins Unglückshaus ein. Er kümmert sich um die beiden Kinder von George und Jane sowie um Ricardo, den Jungen, der den Autounfall überlebt hat. Harrys Ehefrau lässt sich unverzüglich scheiden.

Diese Rochade bringt Tempo in die Sache, obwohl Protagonist Harry erst einmal ein Tal des Leidens zu durchqueren hat. A. M. Homes ist keine Abschweifung, keine Pointe zu viel, um das Schicksal dieser schwer geprüften jüdischen Familie in einer Form rüberzubringen, die leicht wirkt. Sie scheut auch nicht davor zurück, tief in die Trashkiste zu greifen. Etwa bei der detailversessenen Darstellung der Ermordung Janes.

Tragikomische Achterbahn der Gefühle

Harry ist für die Kinder Georges ein mehr als vollwertiger Vaterersatz. Er telefoniert täglich mit ihnen im College, fährt mit ihnen in die Ferien und begleitet sie auf dem Weg der beginnenden Pubertät. Der Professor kompensiert auch eigene Bedürfnisse. Er entwickelt ein äusserst aktives Sexualleben.

Daraus macht Homes eine tragikomische Achterbahn der Gefühle. Es ist köstlich, diese Irrungen und Wirrungen zu verfolgen. George wird vorläufig kein Prozess gemacht, weil an seinem Auto ein Herstellerfehler im Spiel war.

Eine explosive Mischung

Die Autorin leuchtet genussvoll die Absurditäten der amerikanischen Upper-Class aus, in der Geld als Rohstoff wie Gras nachwächst. Homes entlarvt schonungslos den American Dream, bei dem sich das Leben hauptsächlich im Supermarkt abspielt, sprich alles käuflich ist. Dies ist die Tiefenstruktur zum Strom, der uns Leser mitreisst.

Auch das irritierende Interesse Harrys am kleinbürgerlichen Republikaner Richard Nixon gehört zu dieser Spur, dass Amerika noch andere Gesichter hat. Insofern sind Oberfläche und Tiefe dieses Romans eine explosive Mischung. Und noch etwas: Was, wenn George aus der Psychiatrie entlassen werden sollte? Bei dieser Frage packt einen ein Frösteln.

Buchhinweis

A.M. Homes: «Auf dass uns vergeben werde». Kiepenheuer & Witsch, 2014.

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