Aufregung im Netz – der Shitstorm ist die neue Wertedebatte

Spontane Stürme der Empörung im Internet kann ein Leben zur Hölle machen. Besonders das von Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Aber sie können auch Misstände aufzeigen, Fehlverhalten korrigieren und Wertedebatten anregen.

Löwe isst Giraffe.

Bildlegende: Der Koppenhagener Zoo löste eine Welle der Empörung aus, weil eine Giraffe getötet und verfüttert wurde – öffentlich. Keystone

Wo ist er hin, der gute alte Skandal? Der sorgsam als Gerücht vorbereitete, von randständigen Zeitungen aufgegriffene und dann immer höher geschaukelte Skandal? Das berühmte Rauschen im Blätterwald, angeregt von mächtigen Zeitungsmachern – vielleicht auch mächtig intriganten Strippenziehern? Was waren das noch für Zeiten, als Edelfedern elegant einen Skandal aufspiessten, als Kommentatoren ihn wortgewaltig den Schuldigen um die Ohren donnerten!

Marius wurde den Löwen zum Frass vorgeworfen

Es gibt ihn noch, den guten alten Skandal. Verglichen mit einem Shitstorm wirkt er aber beinahe liebenswürdig antiquiert. Innerhalb von Minuten kann sich ein Shitstorm im Internet zusammenbrauen. Jeder kann per Smartphone, Tablet oder Computer daran teilnehmen und mit seiner Empörung ein weltweites Publikum erreichen. Und er erreicht auch die Älteren, denn ein veritabler Shitstorm reisst auch die althergebrachten Medien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen mit.

Am 9. Februar 2014 tötete der Kopenhagener Zoo den zweijährigen Giraffenbullen Marius, weil er nicht zur Zucht geeignet war. Marius wurde den Löwen verfüttert – öffentlich. Daraufhin forderten 150‘000 Tierschützer in einer Onlinepetition die Schliessung des Zoos. Knapp 40000 Gleichgesinnte entrüsteten sich auf einer Facebookseite, wo es zum Beispiel heisst: «Schäm dich, Kopenhagener Zoo, Ihr habt eine unschuldige Baby-Giraffe getötet!» Doch es gab auch Widerspruch: «Was glauben die eigentlich, was Löwen an einem Tag ohne solch einen Leckerbissen wie Marius fressen? Rosenkohl?», fragte etwa ein dänischer Journalist. «Das Leben ist kein Disneyfilm.»

Nicht alles ist «Shit»

Auch wenn der Ton oft rau ist in solchen Internetforen, wird doch deutlich, dass an dem Wort «Shitstorm» nur die Wettermetapher stimmt. Längst nicht alles, was der Sturm aufwirbelt, sei «Shit», sagt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen: «Es ist die Form der modernen Wertedebatte. Wir wissen nicht mehr, was als positiv gelten soll, aber wir können uns darauf einigen, was uns aufregt.» Die Dauerskandalisierung sei in verdeckter Form eine Wertedebatte. Verhandelt werde, was gelten soll, was auf keinen Fall sein dürfe, welche Normverletzung es zu ahnden gelte.

Brandbeschleuniger Alice Schwarzer und Markus Lanz

Das wird an zwei prominenten Beispielen deutlich. Am 2. Februar 2014 wird bekannt, dass Alice Schwarzer auch diese Männerdomäne erobert hat: Steuerhinterziehung. Die Frauenrechtlerin und selbsternannte moralische Instanz – wie im Fall Kachelmann – muss nun auf Twitter lesen: «45 Jahre Zeigefinger, 30 Jahre Steuern hinterziehen, 20 Jahre steuerfrei, zehn bezahlen», schreibt er und weiter: «Ich weiss auch nicht, wieso man Schwarzer kritisiert.» Sie selbst aber weiss es und bezichtigt die Medien der Denunzierung, Rufschädigung, Schmutzkampagne – und gibt dadurch dem Sturm neue Nahrung.

Ganz ähnlich Markus Lanz: Er setzte in seiner Talkshow seinem Gast, Sarah Wagenknecht, derart zu, dass sich nach der Sendung ein lange angestauter Sturm der Entrüstung im Internet entlud. Viele Kritiker argumentierten sachlich und bemängelten die wiederholte Verletzung von Geboten der Fairness und von journalistischer Ausgewogenheit. Trotzdem sprach Lanz von «Typen mit gespannter Flinte» und verordnet sich selbst «gedanklich einfach mal die Spülung zu drücken».

Basisdemokratische Waffe in einer globalisierten Welt

Alice Schwarzer und Markus Lanz empören sich über die Empörung, weil das angenehmer ist als eigene Fehler zu analysieren. Sie reduzieren die ohnehin schon schlecht gewählte Metapher «Shitstorm» auf den denunzierenden Fäkalvergleich. Damit verstärken sie den «Sturm» noch.

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Daniel Graf über den Shitstorm als Korrekturinstrument

0:27 min, aus Kulturplatz vom 2.4.2014

Wobei Herr Lanz es noch nicht mit einem wüsten Orkan zu tun hatte, eher mit einem stürmischen Wind. So sieht es der Schweizer Kampagnenexperten Daniel Graf: «Ein Orkan hätte für mich bedeutet, dass die Leute auf der Strasse gestanden hätten mit Plakaten, und gesagt hätten, der Lanz muss weg.» Für Graf ist der Shitstorm ein Korrekturinstrument, eine Dynamik, die ihre Wirkung gerade dann entfaltet, wenn die Leute enttäuscht sind.»

Die Empörungswellen im Internet haben nach Ansicht von Daniel Graf durchaus das Zeug zu einer basisdemokratischen Waffe in einer globalisierten Welt. Und doch ist unbestritten, dass ein erheblicher Teil dieser Empörung anonym veröffentlicht wird und oft nicht mehr ist als Pöbelei und Beschimpfung. Der Netzaktivist Sascha Lobo hat dieses Phänomen einmal als «digitale 13-jährigkeit» bezeichnet. Es ist eine Herausforderung für die Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten, den ethisch verantwortlichen Umgang mit den neuen Medien zu vermitteln, auf dass wir digital erwachsen werden.

Buchhinweise

Bernhard Pörksen / Hanne Detel: «Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter.» Herbert von Halem Verlag 2012.
Arno Frank: «Meute mit Meinung. Über Schwarmdummheit.» Kein & Aber 2013.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Shitstorm – Schnelle Empörung in skandalisierungswütigen Zeiten

    Aus Kulturplatz vom 2.4.2014

    Zu Zeiten immer bereiter Smartphones braucht es nicht viel, um einen Sturm der Empörung auszulösen. Die unüberlegte Äusserung eines Prominenten kann schon genügen: Unkontrollierbar und in kürzester Zeit löst sich ein «Shitstorm» vom eigentlichen Grund der Empörungswelle ab und erreicht ein Höchstmass an Aufmerksamkeit bei geringstem Einsatz des einzelnen. Was sich da entlädt, kann schlicht aggressiv und beleidigend sein. Oder im besten Fall auf drängende Probleme aufmerksam machen. «Kulturplatz» über stürmische Debatten im digitalen Zeitalter.

    Sebastian Günther