Autorin Xiaolu Guo rechnet mit China ab

Sie ist eine der interessantesten Stimmen der chinesischen Autorenszene: Die 42jährige Filmemacherin und Schriftstellerin Xiaolu Guo. Seit 12 Jahren beobachtet sie aus London den wirtschaftlichen und sozialen Wandel in China. Demnächst kommt sie als Gastautorin nach Zürich.

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Xiaolu Guo - Wie eine Exilantin in Buch und Film China verhandelt

5:18 min, aus Kulturplatz vom 10.6.2015

Ihre Wohnung liegt im Zentrum des Stadtteils Hackney in East London – einem Quartier, das einst als Armenhaus Londons galt und heute eine Hochburg der hippen Kreativszene ist. Xiaolu Guo lebt hier mit Mann und zweijähriger Tochter – und ist doch selten zu Hause anzutreffen. Gestern Abend kam sie von New York, morgen wird sie an ein Literaturfestival in Sardinien weiterreisen, das ist der Rhythmus, den sie liebt, der sie inspiriert. Das Unterwegssein als mehr oder weniger freiwilliges Lebensmotto klingt bei vielen ihrer Roman- und Filmfiguren an, wie überhaupt ihr gesamtes Werk eine autobiographische Grundierung hat.

Der Punkmusiker Jian und die Schriftstellerin Mu sind die Protagonisten von Xiaolu Guos neuestem Roman «Ich bin China». Jians Freiheitswille ist unbändig, er fällt politisch in Ungnade und muss ins Exil. Mu ist weniger politisch als ihr Freund, begibt sich aber in ein temporäres Exil, während sie als Slam Poetin die USA bereist. Beide Figuren seien eigentlich sie selbst, sagt Xiaolu Guo.

Sie beschreibt mit diesem Roman die Zerrissenheit ihrer eigenen Generation, das Dilemma zwischen Anpassung und Widerstand: «Ich wuchs in den 80er Jahren mit sehr vielen westlichen Einflüssen auf. Die amerikanische Beat Generation, die europäische Literatur – all das war geistige Nahrung für die chinesische Kulturszene, die so lange isoliert war. Das Buch «Ich bin China» handelt von der Beziehung des Einzelnen zum Staat, und davon, wie der Staat Oberhand über das eigene Leben bekommt.»

Es gibt keine Kunst ohne Politik

Aufgewachsen ist Xiaolu Guo in einem kleinen Fischerdorf in der Provinz Zhejiang. Sie verliess die Provinz, absolvierte die Beijinger Filmakademie und realisierte bald, dass ihr als kritische Autorin in China die Hände gebunden waren. So verliess sie vor 14 Jahren ihre Heimat und landete in London. «Aber immer noch fühle ich mich der dörflichen Welt Chinas sehr verbunden», sagt Xiaolu Guo. «Ich weiss, wie sich die Verlorenheit der Bauern anfühlt, wenn sie mit der modernen Welt nicht Schritt halten können.» Dann bleibt oft nur das Sterben – so wie im Film «Ein Ufo, dachte sie», aus dem Jahr 2011.

Strassenszene, Mann auf Fahrrad an Lebensmittelgeschäft, einige Frauen um ihn herum

Bildlegende: Xiaolu Gou beschreibt den chinesischen Alltag: Aufpassen, was man sagt. Keystone

«Es gibt keine Kunst ohne Politik», sagt die Romanfigur Jian im Roman «Ich bin China» und spricht damit die Position der Autorin aus. Für Xiaolu Guo, eine chinesische Intellektuelle im politischen Exil, ist diese Aussage eine Selbstverständlichkeit – sie, deren Generation die politische Aufbruchstimmung der 80er-Jahre und die blutige Zerschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz 1989 erlebt hat.

Doch auch im saturierten Westen sei es wichtig, das politische Bewusstsein zu pflegen, sagt Xiaolu Guo. «Denn schliesslich sind wir selbst in unserem konsumistischen Lebensstil ständig mit politischen Entscheidungen konfrontiert – etwa, ob ich biologisches Gemüse kaufe oder nicht, oder welchen Fernsehsender ich schaue. Politik ist überall.»

Gebrochenes Englisch ist besser als in China gebrochen zu werden

Im Londoner Exil begann Xiaolu Guo auf Englisch zu schreiben. Es war ein grosser Schritt von der Muttersprache zur Fremdsprache, doch ein folgerichtiger. «Natürlich ist Sprache Identität, doch in England realisierte ich, dass ich nicht mehr auf Chinesisch schreiben konnte. Einerseits weil mir der ideologische Kontext Chinas fehlte, auf den ich mich immer bezog, andererseits, weil mich hier niemand mehr lesen konnte. Also beschloss ich, in meinem gebrochenen Englisch zu schreiben. So konnte ich sofort mit den Lesern kommunizieren.»

Xiaolu Gou mit Filmpreis in Locarno

Bildlegende: 2009 gewann sie in Locarno den Goldenen Leoparden, jetzt kommt sie wieder – diesmal nach Zürich. Keystone

Zwar war das Schreiben in Englisch eine technische Hürde, aber dafür eröffneten sich der Schriftstellerin inhaltlich neue Horizonte: «Ich konnte endlich die Selbstzensur überwinden. Jeder Schriftsteller in China muss Selbstzensur ausüben, um veröffentlicht zu werden.

Auf Englisch zu schreiben, war für mich sehr befreiend, denn ich konnte über Dinge schreiben, über die ich nie zuvor geschrieben hatte.» Marguerite Duras, Italo Calvino, Jean Genet – die Lieblingsautoren Xiaolu Guos konnten nun, da sie auf Englisch schrieb, viel direkter auf ihr Schreiben einwirken. «Es war eine grosse Entdeckung für mich, in einer Zweitsprache zu schreiben. Ich denke, ich habe sehr davon profitiert».

Bald wird Zürich zu ihrer vorübergehenden Bleibe. Doch für die Rastlose ist die Schweiz eine Station unter vielen. «Ich könnte überall leben, sei es in New York, London, Berlin oder eben Zürich, so lange ich meine Filme machen und meine Bücher schreiben kann. Sie sind auf eine Art meine Familie.»

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