Balkanslang: Die Sprache geht nicht unter

Mit dem Buch «Kiezdeutsch» hat die Linguistin Heike Wiese in Deutschland für Polemik gesorgt. Aus Schweizer Sicht ist diese Multikulti-Jugendsprache nur halb so wild.

Zwei Jugendliche sitzen auf einer Treppe und essen.

Bildlegende: «Kiezdeutsch» und «Balkanslang» unterscheiden sich merklich und teilen doch viele Merkmale. keystone

Junge Migranten haben eine eigenartige Sprache. «Lassma Kino gehn!» oder «Die guckt so zu dir so!» oder «Ischwör, Ich frag mein Schwester!» Das sind Beispiele von Heike Wiese.

Die Berliner Sprachwissenschaftlerin weist in ihrem Buch «Kiezdeutsch – ein neuer Dialekt entsteht» darauf hin, dass diese Formen nicht falsches Deutsch sind. Stattdessen stecke System, also eine eigene Grammatik dahinter – gleich wie bei allen deutschen und anderssprachigen Dialekten. 

Spielerisch in Berlin wie in Zürich

Auch für Regula Schmidlin, assoziierte Professorin der germanistischen Linguistik an der Universität Freiburg (CH), handelt es sich bei diesen jungen, spielerischen Ausdrucksweisen nicht um Defekte. Sie sieht sowohl im Berliner Kiezdeutsch wie im Schweizer Balkanslang vor allem ein Gruppenphänomen: «Niemand würde in Kiezdeutsch Selbstgespräche führen».

Längst nicht alle Wörter und Wortformen kommen aus dem Türkischen und Serbischen. Viele Elemente werden auch von Schweizer Jugendlichen gebraucht – ohne Einwirken der Immigranten. Es ist auch kein Phänomen aus bildungsfernen Familien. So kommt auch für Schweizer Gymnasiasten und Lehrlinge so eine Multikulti-Jugendsprache gerade recht, wenn sie anders reden wollen als die Erwachsenen. Und nicht selten tun dies auch junge Frauen.

Neutralere Begriffe gesucht

Früher nannte man diese Multikulti-Ausdrucksweise in Deutschland «Kanak Sprak». Das war abwertend und auf Türken reduziert. Kiezdeutsch ist neutraler und bedeutet etwa «moderne Gassensprache». Es kommt von berlinerisch «Kiez» für Quartier, Stadtviertel.

Ähnlich abwertend war früheres Jugodeutsch in der Schweiz. Aber auch heutiges «Balkanslang» ist eine Reduktion, die so nicht stimmt. Aber noch hat sich kein neutralerer Begriff durchgesetzt.

Kiezdeutsch ist für Autorin Wiese einfach ganz neutral eine mündliche, umgangssprachliche Alltagsform des Deutschen. Es sei vergleichbar mit Dialekten.

Nicht ein normaler Dialekt

Hier aber gehen die Meinungen der Spezialistinnen auseinander. Kritisch steht die Schweizer Universitätsprofessorin Schmidlin der Bezeichnung «Dialekt» für Kiezdeutsch gegenüber: «Gerade aus Schweizer Sicht bedeutet der Begriff Dialekt eine regionale Varietät und wird nicht sozial gebraucht.»

Schmidlin geht davon aus, dass Buchautorin Heike Wiese mit dem positiven «Dialekt» ihren Liebling Kiezdeutsch aus dem abwertenden Kontext herausnehmen will. Dialekte kann man weniger angreifen.

Gerade in der Schweiz sind Dialekte und Variationen akzeptiert. Oft werden sie gar hervorgehoben, um unsere Toleranz zu beweisen. Oder sie sind Teil von Kabarett-Einlagen wie bei Mike Müller und René Rindlisbacher. Das «Eh Mann, ich weiss wo din Huus wohnt» oder «Gömmer Migro?» sorgen für eine Art Mythos.

Wohl nicht zuletzt darum, wird die Balkanslang-Suppe in der Schweiz weniger heiss gegessen als gekocht. Sacha Batthyany hat bereits 2005 in der NZZ geschrieben: «Dass der Balkanslang ein Massenphänomen werden konnte, dazu haben auch die Medien beigetragen.» 

Als Sprache nicht ernstgenommen

Einig sind sich die Linguistinnen Heike Wiese und Regula Schmidlin darin, dass solche neuen Sprachformen nicht der Untergang von Deutsch und Schweizerdeutsch sind. Oft kommen Neuerungen über die Jugend in unsere Dialekte. Sie machen sprachlich konservativen Beobachtern Sorgen. Regula Schmidlin hat beobachtet: «Einige stören sich daran, dass dies überhaupt als Sprache ernstgenommen und sprachwissenschaftlich beschrieben wird.»

Dies hat zu Polemik in Deutschland geführt. Bei Kiezdeutsch-Buchbesprechungen sind die Internetforen voll von Empörungs-Kommentaren. Zum Teil heftig, wie zum Beispiel auf bild.de: «Das ist keine neue Sprache, sondern zeigt, wie weit die Volksverdummung schon fortgeschritten ist... armes Deutschland!»

Wandel gehört zur Sprache

Aber Sprachwandel heisst nicht automatisch Sprachverlust. Sprachwandel braucht es sogar, damit sich unsere Sprachen und Dialekte der Welt anpassen können, in der sie als Kommunikationsmittel gebraucht werden. Sonst enden sie im Museum.

Einige dieser sprachlichen Neuerungen aus Kiezdeutsch und Balkanslang werden bleiben. Viele aber werden rasch wieder verschwinden. So funktioniert Jugendsprache – und niemandem braucht sich davor zu fürchten.

Buchhinweis

Heike Wiese «Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht.», C.H. Beck, 2012

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