Barack Obama und seine Leidenschaft für die Literatur

Für Barack Obama ist Lesen weit mehr als eine Ablenkung vom Alltag. Lesen ist für ihn Lebensschule. «Das Wichtigste, was ich für meine Rolle als Bürger gelernt habe, weiss ich aus Romanen», sagt der US-Präsident.

Ein dunkelhäutiger Mann zeigt einer dunkel gekleideten Frau lächelnd, wo's lang geht.

Bildlegende: Er trägt gern hellblau, aber er mag auch «Lila»: Barack Obama im Gespräch mit Autorin Marilynne Robinson. Keystone

Zentral für Obama: die Empathie. Lesen, sagt er, bietet die Möglichkeit, sich in jemanden hineinzuversetzen, sich mit jemandem verbunden zu fühlen. Auch dann, wenn er oder sie komplett anders ist als man selbst.

Lesen, sagt Obama weiter, hilft einem auch damit klarzukommen, dass die Welt kompliziert ist. Dass es verschiedenste Grautöne gibt. Und dass man die Suche nach der Wahrheit aber nie aufgeben soll. Schliesslich bietet Lesen auch die Möglichkeit zum Austausch, zum gemeinsamen Gespräch, zur Auseinandersetzung mit einem Thema.

Obama als Interviewer

All das stellt Barack Obama in einem persönlichen Gespräch mit der US-amerikanischen Schriftstellerin Marilynne Robinson fest, veröffentlicht vom amerikanischen Magazin «The New York Review of Books». Obama hat Robinson vergangenen Herbst getroffen. Es war eine sympathische Begegnung auf Augenhöhe. Denn: Er hat sie interviewt.

Obama nennt es ein Experiment. Er sei so viel unterwegs, habe aber fast nie Gelegenheit, sich auch inoffiziell über kulturelle Themen zu unterhalten. Deshalb hat er vergangenen Herbst eine Reihe gestartet: Treffen mit Menschen, die ihn interessieren und von denen er glaubt, dass sie etwas zu sagen haben. Marilynne Robinson war die erste in dieser Reihe.

In den USA gilt die 71-Jährige als eine der wichtigsten zeitgenössischen Autorinnen – 2004 gewann sie den Pulitzerpreis. Ihre Romane gehören zu Barack Obamas Lieblingslektüre. Aktuelles Beispiel: «Lila», letzten Herbst auch auf Deutsch erschienen.

Robinson erzählt darin die fiktive Geschichte des Findelkindes Lila im Amerika der 1920er-Jahre – es war die Zeit von Wirtschaftskrise und Dürrekatastrophen. Der Leser, die Leserin, begleitet Lila durch ihr schweres und entbehrungsreiches Leben. Bis sie den Pfarrer John Ames trifft, heiratet und Mutter wird.

Obama als Fan

«John Ames ist eine meiner Lieblingsfiguren in der Literatur», sagt Barack Obama. «Ames ist liebenswürdig und zuvorkommend, manchmal aber auch durcheinander, weil er das Schicksal seiner Familie oft nicht mit seinem Glauben in Einklang bringen kann.» Und er vertritt Werte wie Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Liebe und Güte. Werte, die auch Obama wichtig sind. Das wird im Gespräch mit Marilynne Robinson klar.

«Lila» gehört zu den Lieblingsromanen des US-amerikanischen Präsidenten. Ein Buch, das man gerne weiterempfiehlt, bietet es doch genau das, was auch Obama wichtig ist: die Möglichkeit, sich in jemanden hineinzuversetzen. Die Möglichkeit, zu verstehen, dass die Welt nicht schwarz-weiss ist. Und die Möglichkeit zum gemeinsamen Gespräch. Zum Austausch darüber, welche Werte wirklich zählen.

Buchhinweis

Marilynne Robinson: «Lila». S. Fischer, 2015.

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