«Bergsteigen im Flachland»: Ein Europa-Roman aus der Schweiz

Urs Mannhart ist Schriftsteller und Reporter. Weil für ihn der Kosovokrieg wie ein blinder Fleck war, hat er darüber einen Roman geschrieben. Darin beleuchtet er die Geschehnisse zwischen Frühjahr und Herbst 1999 in Kosovo und in Serbien aus verschiedenen Perspektiven.

Ein lächelnder, älterer Mann vor steht an einem Bahnhof neben einem Zug.

Bildlegende: Auf seinen Reisen begegnet der Reporter Thomas Steinhövel den Menschen in Ex-Jugoslawien. Reuters

«Bergsteigen im Flachland» ist ein Roman, der am Beispiel von Einzelschicksalen aufzeigt, was der Krieg im ehemaligen Jugoslawien für das Leben der Menschen bedeutet hat. Dem Autor gelingt dies plausibel, ohne dass er dabei Partei ergreift.

Falsche Ausrüstung

Hauptfigur ist der Reporter Thomas Steinhövel. Er reist in Europa umher und berichtet mit Vorliebe von Menschen, die – in Analogie zum Romantitel «Bergsteigen im Flachland» – mit falscher Ausrüstung im Leben stehen. So wie beispielsweise Aca Mandić: Der gebürtige Serbe lebt ohne Papiere in Russland im Exil. Zu Hause in Serbien droht im eine Haftstrafe wegen Kriegsdienstverweigerung. In Russland hat der studierte Linguist nur ein Schattendasein. Thomas Steinhövel begegnet ihm auf Reportagereise in Russland und verhilft ihm zu einem neuen, falschen Pass.

Das ist aber nur einer von vielen Protagonisten in Urs Mannharts Roman, die alle in diesem Widerspruch leben, mit falscher Ausrüstung am falschen Ort zu sein. Wie nun der Autor diese Einzelschicksale mit dem Leben seiner Hauptfigur, dem Reporter Thomas Steinhövel verbindet, ist ambitioniert, geradezu kühn. Denn die Romananlage ist komplex. Kapitelweise springt Mannhart von einer Figur zur andern, von einem Schauplatz zum andern, von einer Geschichte zur andern. Dabei den Überblick zu behalten ist nicht immer einfach.

Der Krieg und die Menschen

Doch die bildhafte Sprache, mit der Mannhart Menschen und Situationen beschreibt, ist der Kitt, der die Geschichten zusammenhält. Seine starken Bilder prägen sich ein, machen betroffen und lassen einen so schnell nicht mehr los. Da ist beispielsweise der Scharfschütze, der selber zum Gejagten wird. Oder der Serbe, der auf dem Weg nach Den Haag bereits in Serbien durch das Bombardement der NATO ums Leben kommt.

Ebenso einprägsam ist aber auch jene Szene in Baku, Aserbaidschan, in der Thomas Steinhövel in einer ärmlichen Spelunke eindeutig das falsche Getränk bestellt: Ein Glas Eistee, der dann aus Pulver und lauwarmem Leitungswasser serviert wird. Mit solchen tragischen oder komischen Szenen zeigt Urs Mannhart die Widersprüchlichkeiten des Krieges auf. Er spricht von Krieg und meint Menschen. Das ist beeindruckend und überzeugt.

Plagiatsvorwurf

Wegen seines neuen Romans «Bergsteigen im Flachland» sind gegen Urs Mannhart Plagiatsvorwürfe erhoben worden. Mannhart habe sich bei Reportagen des Journalisten Thomas Brunnsteiner bedient, die 2007 unter dem Titel «Bis ins Eismeer» erschienen sind. In der Danksagung im Buch wird «Thomas Brunnsteiner» erwähnt - wenn auch ohne eine Erklärung.

Buchhinweis

Urs Mannhart: «Bergsteigen im Flachland». Secession Verlag, 2014.

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