Bestseller-Autorin Claudia Piñeiro rechnet mit ihrem Vater ab

In ihrem neuen Roman «Ein Kommunist in Unterhosen» erinnert sich die argentinische Bestsellerautorin Claudia Piñeiro an ihren Vater. Sie erzählt von einem Mann, der sich von einem miesen Job zum nächsten hangelt und zu Hause als schlecht gelaunter Patriarch den Ton angibt.

Kind an den Händen des Vaters hängend im Sonnenuntergang

Bildlegende: Noch ist der Vater ihr Held – vielleicht nicht mehr lange. Colourbox

Im Sommer 1976 ist das Mädchen 13. Ihr Vater arbeitet gerade als Turboventilatoren-Vertreter. Vorher hatte er Hühner verkauft. Aber seit er eine gute Stelle bei der Bank verlassen hat, will es beruflich nicht mehr recht klappen. Den Gedanken, dass er «so viel mehr hätte erreichen können», schiebt die Tochter sofort weg. Das ist viel zu schmerzhaft.

Wie viel einfacher ist es doch, stolz auf das gute Aussehen des Vaters und seinen einwandfrei trainierten Körper zu sein. Mit dem Bademeister kann er sich locker messen: So sieht es das Mädchen in diesem Sommer, den die jungen Leute vorwiegend im Schwimmbad verbringen.

Die Spannungen zuhause

Noch ist der Vater ihr Held – vielleicht nicht mehr lange. Dass sich seine Launen und schlechte Stimmung machtvoll in der Familie ausbreiten, passt ihr gar nicht.

Hinzu kommen die erstarrten Beziehungen in der Familie, aus denen seltsame Gewohnheiten folgen: Die Grossmutter im Nachbarhaus ignoriert er weitgehend, aber am Morgen ist sie es, die das Mädchen wecken kommt, während der Vater am Tisch sitzt und die Mutter noch schläft.

Bestsellerautorin Claudia Piñeiro

Bildlegende: Krimi-Bestsellerautorin Claudia Piñeiro rechnet in ihrem neuen Roman mit ihrem Vater ab. Alejandra López

Beklemmende Stimmung

Das Leben mit Schule und den Freundinnen ist da fast schon erholsam. Und als sich in der Kleinstadt das grosse Ereignis einer feierlichen Militärparade vor dem Fahnendenkmal ankündigt, wäre das eigentlich ein grosses Gesprächsthema unter den Mädchen.

Wenn sich nicht das Mädchen selbst als Aussenseiterin fühlen würde – ihre Eltern stehen politisch woanders als andere. Vor allem der Umstand, dass der Vater sich zuhause zum Kommunismus bekennt, ist für sie verunsichernd und beklemmend.

Ein Patriarch mit Extrarechten

Und dann entdeckt sie auch noch die schöne Lehrerin, deren Mann in eine andere Stadt gezogen ist, mit ihrem Vater beim Tennisspielen. Die vielen, unverständlichen Dinge, die ihr niemand erklärt, werden immer bedrohlicher.

Der Mutter und Grossmutter gegenüber gibt der Vater den gereizten Patriarchen mit Extrarechten: Abend für Abend bereitet die Mutter dem Vater auf dem Aussengrill ein Rumpsteak. Die Frage entsteht, wie das Mädchen selbst als Erwachsene zu jenen Männer- und Frauenrollen stehen wird, die sie gelernt hat.

Die enttäuschende Realität

Claudia Piñeiro mischt nach eigenen Angaben Erfundenes in ihre Erinnerungen: So dichtet sie dem Vater wenigstens ein paar kleine Akte des Widerstands an – wie um sich selbst die banale, enttäuschende Realität ein bisschen schöner zu malen.

Mehr als das hätte man sich als Leserin aber eine echte Auseinandersetzung mit dem Thema enttäuschender Erinnerung gewünscht statt diesen unausgegorenen Mix aus Dichtung und Wahrheit. Im Grunde wirkt die erwachsene Erzählerin wie eine Tochter, die immer noch beleidigt ist darüber, dass der Vater ihr nicht mehr zu bieten hatte – und den sie zur Strafe dafür vorführen und als «Kommunist in Unterhosen» blossstellen muss.

Buchhinweis

Claudia Piñeiro: «Ein Kommunist in Unterhosen», Unionsverlag, Zürich 2014.

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