Blaise Cendrars aggressives Lamento auf den Wahnwitz des Krieges

Blaise Cendrars war der Agent Provocateur der literarischen Moderne der Schweiz. Am radikalsten in «Moravagine» von 1926. Er erzählt von einem Ungeheuer, Bauchaufschlitzer, Attentäter und Bombenwerfer. Jetzt ist der «Monsterroman» in einer revidierten Übersetzung von Stefan Zweifel neu erschienen.

Der Autor Blaise Cendrars mit grauem Hemd und Zigarette im Mundwinkel.

Bildlegende: Er führte ein rastloses Leben als leidenschaftlicher Weltenbummler: Blaise Cendrars. Getty Images

Blaise Cendrars hiess eigentlich Frédéric Sauser. Er wurde 1887 in La Chaux de Fonds geboren. Gestorben ist er 1961 in Paris. Der Romand führte ein rastloses Leben, das ihn in Europa umtrieb und nach Brasilien führte.

Er war unter anderem Matrose und leidenschaftlicher Weltenbummler. Cendrars kämpfte als Fremdenlegionär im Ersten Weltkrieg, verlor seine rechte Hand und setzte mit dem Roman «Moravagine» ein Werk in die Welt, das befremdet und zugleich in Bann zieht. Seine literarischen Figuren sind Sonderlinge, Exzentriker, Todessehnsüchtige. Es gibt Ausschweifung, Mord und Totschlag.

Das Universum «Moravagine»

Die Figur Moravagine verfolgte den Autor seit 1912. Ein Tyrann in seinem Inneren, dem er in einem Gemisch aus Faszination und Schrecken ausgeliefert war: «Moravagine» ist das Nachtschwarze in ihm selbst.

Er brauchte zahllose Anläufe, um das Ungeheuer aufs Papier zu bannen. Nicht zufällig beginnt und endet der Roman in psychiatrischen Kliniken. Und es ist nur folgerichtig, dass Seelenarzt Raymond La Science als Erzähler diese wilde Geschichte zum Besten gibt.

Alte und Neue Welt

La Science und Moravagine lernen sich in der Klinik Waldensee kennen. Dahinter steckt die Berner Waldau. La Science verhilft Moravagine zur Flucht. In der Folge brechen alle Dämme und die beiden stürzen sich als Bombenwerfer an der Speerspitze der Anarchie in die Russische Revolution.

Moravagine ermordet reihenweise Frauen und ergeht sich in abscheulichstem Antisemitismus. Auch bei den «Blauen Indianern» in Südamerika ist die Mordlust Moravagines ungebrochen. Die wilde Reise des Duos endet im Frankreich des Ersten Weltkriegs, wo Moravagine an den Folgen seiner Morphiumsucht stirbt.

Prinzip der Zweckmässigkeit

Erzähler La Science ist noch mitten in der Anarchie des Kriegs hellwacher Analytiker. Er übt Selbstkritik, zieht seine und Moravagines Gewaltexzesse in Frage. Im Herzstück über Nordamerika wird das geschmierte Uhrwerk des fordistischen Amerika mit höchster Präzision beschrieben.

Cendrars ist ganz Ideologiekritiker, wenn er dieses «Prinzip der Zweckmässigkeit» als Illusion einer vollkommenen Demokratie entlarvt, die den Menschen Glück und Gleichheit vorgaukle. Man hätte nichts dagegen, wenn der luzide Gesellschaftsanalytiker Cendrars in diesem Roman noch mehr zum Zug gekommen wäre.

Hauptthema Erster Weltkrieg

«Moravagine» ist im Endeffekt ein aggressives Lamento auf den Schock des Ersten Weltkriegs. Dieser ist das eigentliche Skandalon dieses Romans. Moravagine und La Science stecken zusammen im Schützengraben fest, mitten im Kugelhagel. Sie verkörpern weniger Figuren als ein Prinzip. Das Prinzip des entmenschlichten Menschen. Wo die zügellose Seele den Intellekt im Würgegriff hat.

Noch ist der Planet «Moravagine» längst nicht erschlossen. Herausgeber Zweifel hat zu dieser Neuausgabe aufschlussreiche Kommentare, Varianten und ein Nachwort beigesteuert. Die Entdeckungsreise kann weitergehen.

Buchhinweis

Blaise Cendrars: «Moravagine. Monsterroman». In der vollständigen und von Blaise Cendrars autorisierten und von Stefan Zweifel revidierten Übersetzung von L. Radermacher (1928). Kommentiert, mit allen Schriften von Moravagine ergänzt und mit einem Nachwort versehen von Stefan Zweifel. Die Andere Bibliothek, 2014.

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