Böll und die Schuld, die nicht verteilt wurde

Heinrich Böll, der erste deutsche Nobelpreisträger für Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg, war ein extrem unbequemer Zeitgenosse. Seine Angriffe auf die moralische Verlogenheit der alten Nazis machten ihn zur Zielscheibe in der jungen Bundesrepublik. Heute vor 30 Jahren starb der Schriftsteller.

Heinrich Böll mit Zigarette.

Bildlegende: Der melancholische Gesichtsausdruck war sein Markenzeichen: Heinrich Böll, 1981. Getty Images

Heinrich Böll gehört zu jenen Nachkriegsintellektuellen, welche die Entwicklung Deutschlands entscheidend geprägt haben. Sein literarisches Werk, 1976 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, gehört heute zum Kanon deutscher Nachkriegsliteratur.

Gegen die «Wir-sind-schon-wieder-wer-Mentalität»

Heinrich Böll war zeitlebens ein Querulant, ein treffsicherer Kritiker der deutschen Wohlfühl-, Nachkriegs- und «Wir-sind-schon-wieder-wer»-Mentalität. Der Zweite Weltkrieg, die deutschen Verbrechen, die deutschen Täter und ihre Integration in die junge Bundesrepublik, das waren seine Themen. Schon 1959 sprach er im Hinblick auf die Zeit von 1933 bis 1945 das aus, was die Generation von 1968 aufarbeiten sollte: «Die Summe des Leidens war zu gross für die wenigen, die eindeutig als schuldig zu erkennen waren; es blieb ein Rest, der bis heute nicht verteilt ist.» Sätze, die unvergessen bleiben.

Moralische Position als Bürger Deutschlands

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Ausschnitt aus «Autoren erzählen»: Heinrich Böll

2:13 min, vom 16.7.2015

Heinrich Böll schrieb auch über Menschlichkeit, Liebe und Treue, das Aufwachsen in einer vaterlosen Jugend, die «Ansichten eines Clowns», über das Obrigkeitsdenken und das Aufbegehren gegen Autoritäten sowie die angebliche Chancengleichheit, die keine war. Bölls herausragendes gesellschaftliches Engagement, das sich nicht nur in seinen Romanen und Erzählungen, sondern auch in zahlreichen Essays, Reden und Interviews niederschlug, machte ihn unverwechselbar.

Sein Antimilitarismus wurde, wie seine Frömmigkeit und seine Ablehnung des Nationalsozialismus, stark von seiner kleinbürgerlichen Herkunft geprägt. Obwohl er 1938 zum Arbeitsdienst und schliesslich zur Wehrmacht eingezogen wurde, zeugen seine Briefe von der Front von einer besonderen geistigen Reife des 22-Jährigen. Heimgekehrt nach Köln, studierte er Germanistik und arbeitete gleichzeitig bei seinem Bruder in dessen Schreinerei. 1949 erschien die vom Kriegserleben geprägte Erzählung «Der Zug war pünktlich». 1951 erhielt Böll den Literaturpreis der «Gruppe 47».

Hassobjekt des konservativen Deutschlands

Bölls Pazifismus, seine lebenslange Auseinandersetzung mit dem Katholizismus und mit dem Rheinland, seine unbedingte moralische Position als Bürger einer von ihm immer wieder radikal verteidigten Republik machten ihn zu einem «anderen» Deutschen und zu einem der wichtigen Zeugen der Adenauer- und der Brandt-Jahre.

In seinem Werk setzte er sich auch mit den Schrecken des Krieges auseinander. Die aus dem bedingungslosen Pazifismus entstehende Forderung für einem menschlichen Umgang mit jedem, selbst mit den Terroristen der RAF, liessen ihn zur Zielscheibe der konservativen Politiker und Presse werden.

Die Konservativen hassten ihn: CSU-Chef Franz Josef Strauss geisselte Böll als «geistigen Urheber» des Linksterrorismus und der CDU-Bundestagsabgeordnete Friedrich Vogel sprach damals von den «Bölls und Brückners» als intellektuellen «Helfershelfern des Terrors». Die konservative Presse schäumte ebenfalls: «Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof.» Die Vehemenz der Anschuldigungen der Presse, vor allem aus dem Hause Axel Springer, gingen an Böll nicht spurlos vorbei. Einige Jahre floh er nach Irland oder verschanzte sich in einem Bauernhof in der Vordereifel.

Schwarz-Weiss-Bild von Solschnizyn und Böll.

Bildlegende: Der aus der Sowjetunion ausgewiesene Schriftsteller Alexander Solschnizyn (links) zu Gast bei Heinrich Böll, 1974. Keystone

Er brachte Solschenizyns Werk in den Westen

Mit seinen Romanen «Billard um halbzehn» (1959) und «Ansichten eines Clowns» gelang Böll der endgültige Durchbruch zur intellektuellen Instanz. Neben vielen Romanen und Kurzgeschichten verfasste Böll auch zahlreiche Hörspiele und übersetzte Werke von White, Cicellis und Horgan.

Obwohl er oft linke Positionen einnahm, liess er sich nicht politisch vereinnamen, auch von den Kommunisten nicht. Im Juli 1973 äusserte Böll öffentlich heftige Kritik an der Verfolgung von Schriftstellern in der Sowjetunion. Im März 1974 fand der geflohene Alexander Solschenizyn bei ihm erste Aufnahme. Böll hatte seine Manuskripte schon früher in den Westen geschafft und so erste Veröffentlichungen ermöglicht.

Nach katholischem Ritus begraben

Am 16. Juli 1985 starb Heinrich Böll in seinem Haus in Langenbroich in der Voreifel. Obwohl er 1976 demonstrativ aus der katholischen Kirche ausgetreten war, wurde er unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung durch einen befreundeten Priester nach katholischem Ritus beerdigt. Doch seine Kritiker verfolgten Böll bis ins Grab und streuten das Gerücht, der sonst immer Aufrechte sei kurz vor seinem Tod wieder der Kirche beigetreten. «Heinrich Böll, der Schriftsteller, der in seinem Werk lediglich seine Zeit darstellen wollte und damit für alle Zeiten schrieb, wird nicht in Vergessenheit geraten», schrieb Siegfried Lenz wenige Tage nach seinem Tod.

Dieser Artikel erschien erstmals am 16.7.2015 auf 3sat.de

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