Buchblogger: wichtig, aber immer noch belächelt

Für den Deutschen Buchpreis 2016 besprechen sechs Bloggerinnen und Blogger offiziell die nominierten Romane. Dies macht deutlich: Literaturblogs gewinnen an Bedeutung, sie beleben das Literaturgeschäft. Ob sie aber ernst genommen werden, ist eine andere Frage.

Auf einem Holztisch: Ein Notebook, ein Notizbuch, Stifte und eine Tasse Kaffee.

Bildlegende: Literaturkritik von unten: Blogger wirbeln das klassische Feuilleton auf. Flickr/Anka Albrecht

Blogger sind vor allem eines: leidenschaftlich. Sie bloggen, weil sie ihre Liebe für Bücher mit anderen teilen möchten. Dabei gibt es kaum Blogs, die Geld in die Taschen ihrer Erfinder spülen – sie bleiben fast immer ein zeitaufwendiges Hobby.

Motivation erhalten die altruistischen Schreiberlinge durch den Austausch mit anderen Bücherwürmern – seien das Leser ihrer Website oder andere Blogger. Die Querverbindungen im Netz sind weitläufig und Teil der Ideologie.

Das verpönte «Ich»

Ausserdem rezensieren Blogger meist aus der Ich-Perspektive. Dafür werden sie von den Feuilletonkritikern belächelt. Diese würden nie Sätze schreiben wie «Dieser Roman hat mich umgehauen» oder «Ich war süchtig nach dieser Geschichte».

Genau in dieser persönlichen Art des Schreibens liege die Stärke eines Blogs, findet Sophie Weigand. Die 27-jährige Studentin der Kulturwissenschaften betreibt seit fünf Jahren die Seite literaturismus.net. Das «verpönte Ich» erleichtere die Identifikation mit einem Blog, so die gelernte Buchhändlerin.

Rezensieren und diskutieren

Der Leser könne ausserdem ganz einfach mit der Bloggerin in Kontakt treten. Dadurch würden sich in den Kommentaren jeweils rege Diskussionen entspinnen. «Im Feuilleton finden solche Diskussionen kaum statt», sagt Weigand. «Das ist eher eine Einbahnstrasse.»

Das Feuilleton sei aber auch nicht dafür gemacht. Deshalb sieht Weigand in den Literaturblogs eine wichtige Ergänzung zu Rezensionen in Zeitung und Radio – und keine Konkurrenz.

Reich-Ranicki fehlt

«Früher gab es so eine Instanz, die uns gesagt hat, was wir lesen sollen, um uns daran zu erbauen und uns menschlich weiterzuentwickeln», sagt Ulrike Sárkány von NDR Kultur. «Heute sind allein schon solche Kriterien verpönt!»

Die Leiterin der Literaturabteilung von NDR Kultur beim Norddeutschen Rundfunk vermisst grosse Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki, die einen Kanon der Literatur vorgegeben haben.

Wer wird neuer Literatur-Papst?

Sárkány spricht deshalb, mit Blick auf das steigende Interesse an Literaturblogs, von einem Paradigmenwechsel. Ein Wechsel, der mit einem Machtverlust von Literaturkritikern einhergehe. Dies liege wiederum daran, dass es zurzeit kaum charismatische und unterhaltsame Literaturkritiker gebe.

Vielleicht finde sich der neue Literaturpapst unter den Bloggern, mutmasst Sárkány. Doch weil die Zeitungen nur wenige Aufträge vergeben, könne möglichen Nachfolgern von Marcel Reich-Ranicki oder Elke Heidenreich auch keine Bühne bereitet werden: «Da gibt es wirtschaftliche Zusammenhänge, die möglicherweise das Entstehen einer neuen Kritikkultur verhindern.»

Blogs bedrohen nicht, sie beleben

Literaturblogs sieht Sárkány als «demokratisches Instrument» mit Zukunft. Blogger besprechen gern auch mal das, was von der Leserschaft gewünscht werde und schaffen dadurch Nähe.

Sárkány selbst empfindet die Literaturblogger überhaupt nicht als bedrohlich, sondern als belebend für das Literaturgeschäft.

Als Mitglied der letztjährigen Jury des Deutschen Buchpreises gibt sie aber zu, dass die sechs offiziellen «Buchpreisblogger» im Gremium von Rezensenten, Journalisten und Buchhändlern nicht wahrgenommen wurden: «Der klassische Feuilleton-Kritiker wird einen Teufel tun und danach schauen, was Blogger auf ihren Seiten schreiben.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 23.8.2016, 7 Uhr

Longlist mit zwei Schweizern

Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2016 sind zwei Schweizer: Peter Stamm und Michelle Steinbeck.

Die Buchpreisblogger

Der Deutsche Buchpreis wird nach 2015 zum zweiten Mal von den offiziellen Buchpreisbloggern begleitet. Zwei Frauen und vier Männer diskutieren die nominierten Romane im Vorfeld auf ihren Blogs.

Zusammengeführt werden die Blogs auf der Website des Deutschen Buchpreises und auf Twitter unter dem Hashtag #dbp16.