Bücher der Wolkenbibliotheken gegen die Aushöhlung der Berge

Hoch oben in den Anden gibt es Bibliotheken, die fast nichts mit den unseren in Europa gemeinsam haben. Diese Landbibliotheken könnten der Bevölkerung helfen, sich gegen die Ausbeutung ihres Landes zu wehren. Ein Interview mit Pierpaolo Giarolo, der zu diesem Thema einen Dokumentarfilm gemacht hat.

Im Hochland von Peru, auf etwa 4'000 Metern Höhe, sind seit den 1980er Jahren Bibliotheken entstanden, die ganz und gar nicht unseren Vorstellungen eines Bücherverleihs entsprechen. In den ungefähr 600 «Bibliotecas rurales», die auch «Wolkenbibliotheken» genannt werden, ist der Bibliothekar ein Bauer. Er bewahrt die Bücher bei sich zuhause auf.

Bücherlieferung in mehrtägigen Fussmärschen

Ein Leihausweis ist nicht nötig, für neue Bücher müssen aber die gelesenen zurück gebracht werden. Dieser kleine Kreislauf ist an einen grösseren angeschlossen: Einmal im Monat bringen Bäuerinnen und Bauern aus anderen Dörfern der Region in oft mehrtägigen Fussmärschen in Tragetüchern auf ihrem Rücken bis zu 40 neue Bücher.

Die Bibliotheken umfassen Belletristik, Kinder- und Sachbücher. Während das Angebot zu Beginn ausschliesslich aus geschenkten Büchern bestand, gehören seit nunmehr 30 Jahren eigenproduzierte Bücher zu den Favoriten des Bestandes. Bis anhin mündlich überlieferte Geschichten und das Fachwissen der lokalen Bevölkerung wurden erstmals aufgeschrieben und vor Ort gedruckt. Die Kinderbücher der«Enciclopedia campesina» beinhalten dabei auch Abbildungen der vielen Felsenzeichnungen der Region Cajamarca, die zum Kulturerbe Amerikas gehören.

Gegründet wurden die «Wolkenbibliotheken» Anfang der 1980er Jahre von einem katholischen Priester. Der Grundgedanke war, die Kinder der armen Familien zu erreichen, die es sich schlicht nicht leisten können, zur Schule zu gehen; ebenso die Frauen, die sich neben der Erziehung der Kinder um die Felder kümmern.

Video «Der Wolkenbibliotheken-Projektleiter vergleicht den Verstand mit einem Acker» abspielen

«Warum Bücher?» Der Projektleiter Alfredo Mires Ortis.

1:03 min, vom 6.5.2013

Der italienische Regisseur Pierpaolo Giarolo hatte – bezeichnenderweise in einem Buch – erstmals von diesen peruanischen Landbibliotheken gehört und wollte sofort mehr darüber erfahren. Entstanden ist nun ein Dokumentarfilm, der einen tiefen und sehr filmischen Einblick in dieses gemeinschaftliche, kollektive Lesen gibt.

Pierpaolo Giarolo, Sie haben Ihren neuen Film während nur fünf Wochen gedreht. Wie haben sie den Zugang und vertrauten Umgang mit den Familien und zum Projekt der Landbibliotheken gefunden?

Pierpaolo Giarolo: In allen Gemeinschaften, in denen wir gedreht haben, hat uns eine der Hauptpersonen des Films begleitet und vorgestellt. Er, Alfredo, ist eine Persönlichkeit, die alle kennen, schätzen und bewundern. Seine Anwesenheit hat uns vieles ermöglicht und erleichtert. Es wäre unmöglich gewesen ohne ihn, diesen Dokumentarfilm zu realisieren.

Sie kommen den Familien sehr nahe. Wie konnten sie so intime Momente wie die Mahlzeiten und die abendlichen Lesetreffen überhaupt filmen?

In allen Aufnahmen habe ich nur natürliches Licht verwendet. Ich habe nie einen Scheinwerfer aufgestellt, keine Lampen anders platziert und die Leute auch nicht gefragt, sich zu setzen, um mehr Licht zu haben. Die Szene des nächtlichen Treffens wurde von den Bauern wie immer nur mit einem Dutzend Kerzen auf dem Boden erleuchtet. Ich habe mit einer Kamera gedreht, die es erlaubt, bei wenig Licht zu drehen und eine gewisse respektierende Distanz zu den Protagonisten zu wahren.

Sie zeigen im Film das Leben der lokalen Bevölkerung als ein schönes Leben, trotz der Armut und der Bedrohung des Lebensraums. Wie sehen Sie es: Haben diese Familien und Gemeinschaften ein gutes Leben?

Die Personen, die in dieser Gemeinschaft leben, führen ein sehr beschwerliches Leben. Unvorstellbar anstrengend für unsere europäische, aufs Sitzen konzentrierte Lebensgewohnheiten. Allerdings leben sie in Harmonie mit dem Boden. Womit ich nun nicht eine paradiesische Glückseligkeit meine, sondern eher eine enorme alltägliche Mühe, einen physischen Kampf. Aber all dies führt in das Bewusstsein dessen, was nötig ist fürs Leben, was dem Leben dient und was unnötig ist. Ich bin sicher, dass sie mit sehr viel mehr Würde leben können als die Millionen von Peruanerinnen und Peruaner, die ihre Dörfer verlassen mussten und in die Falle der Städte geraten sind. 

Seit einiger Zeit ist ein weiteres grundlegendes Problem hinzugekommen, die Zerstörung des Landes durch den Goldabbau. Weshalb haben Sie sich entschieden, dies nur am Rande zu thematisieren? Sie hätten auch einen «Anti-Abbau-Film» machen können.

Das Bergwerk ist ein sehr heikles Thema in Cajamarca. Die Hälfte der Stadtbevölkerung des Distrikts befürwortet einen Abbau oder äussert sich zumindest nicht anderweitig. Viele von ihnen arbeiten im Werk oder als Dienstleister für die Abbaugesellschaft, die eine enorme Wirtschafts- und Überzeugungskraft hat. Die Organisation der Landbibliotheken, die «Red», ist eine der zwei einzigen Organisationen im Distrikt Cajamarca, die kein Geld von der Minenbetreiberin erhält – deswegen wird sie konstant kontrolliert, überwacht, ihre Telefone werden abgehört und die Leitungspersonen beschattet.

Ich hätte gerne der Goldmine mehr Raum gegeben im Film, aber es schien mir für alle zu riskant, vor allem für die Kollegen von der «Red». Weiter war es dem redaktionellen Hauptpartner des Filmprojektes wichtig, eher die dem Filmprojekt zu Grunde liegende Idee zu fokussieren, nämlich jene des Buchs und der Lesekultur, welche den Mut und das eigene Bewusstsein zu stärken vermag.

Die Berge werden von den Goldfirmen regelrecht ausgehöhlt. In der Kinoversion ihres Films zeigen Sie diese Landschaften. Die Berge sehen aus, als würden sie bluten. Was sind die Konsequenzen des Goldabbaus für die einheimische Bevölkerung?

Die Berge von Peru: Durch den Abbau von Gold sehen sie aus, wie wenn sie bluten würden.

Bildlegende: Die Berge im Hochland von Peru, sichtlich gezeichnet durch den Abbau von Gold. Miramonte Film

Für jede Tonne durchwühlte und bearbeitete Erde findet man drei Gramm Gold. Für diesen Extraktionsprozess braucht es enorme Mengen von Wasser und ebenso werden höchstschädliche Substanzen eingesetzt, die die bearbeitete Erde vergiften, zum Beispiel Quecksilber. Die Wasserreserven der Provinz Cajamarca sind mittlerweile aufgebraucht. Die Bauern verzweifeln und kämpfen doch täglich gegen diesen Übergriff, weil das Wasser grundlegend wichtig für das Fortbestehen der lokalen Landwirtschaft ist.

Im Film sagen die Bauern, dass entweder die Mine gehen müsse, oder eine Revolution komme. Die Mine ist noch da. Können die Proteste eine Revolution auslösen?

Die Bauern sind unentwegt am Kämpfen. Sie halten die Stellung. Doch erinnern wir uns, dass wir uns auf 4‘000 Höhenmetern befinden und das Leben hier extrem schwierig ist. Es gibt oft Zusammenstösse mit den bewaffneten Wachmännern der Mine und der Polizei – in den heftigsten gab es Dutzende Tote.

Hat die Arbeit für diesen Film Ihren eigenen Zugriff zu Literatur und Ihr Verständnis von Wissensbildung verändert?

Ich denke oft, dass die Literatur den Gemeinsinn und die Formen von Zusammenleben mehr stärken sollte. Wenn wir die grossen Meisterinnen und Meister lesen, kommen wir nicht umhin, ein Wasserzeichen eines inneren Zusammenhangs, einer Präzision und Eleganz wahrzunehmen, die eine neue Generation verinnerlichen und verzaubern kann. Wir leben in einer Kultur, in der wir wenig zu sagen verstehen und viel vergessen. Dadurch gehen wir auch selber vergessen.

Pierpaolo Giarolo

Pierpaolo Giarolo

Der italienische Filmemacher und Kamermann ist in seinem ersten Beruf Pianist. Sein neuer Film «Die Wolkenbibliothek» (Books and Clouds) war Abschlussfilm des Dokumentarfilmfestivals Nyon 2013 und ist nun in TV-Premiere in der Sternstunde Kunst zu sehen. Weitere Filme: Valentinos Gift (2012), Tradurre (2008), Un piccolo spettacolo (2005) u.a.

Sendung zu diesem Artikel