Charlotte Roches Tabubrüche sind nur noch zum Gähnen

Charlotte Roche, die Skandalschriftstellerin vom Dienst: Mit «Feuchtgebiete» wurde sie international berühmt, mit «Schossgebete» festigte sie ihren lasziven Ruf. Jetzt liegt ihr dritter Roman vor: «Mädchen für alles». Als Provokation vermag er kaum zu überzeugen. Und literarisch schon gar nicht.

Charlotte Roche, in einem farbigen Kleid mit abgestütztem Kopf posierend.

Bildlegende: «Welches Tabu wird Charlotte Roche als nächstes brechen?», fragte man sich. Jetzt wissen wir es: keines. Keystone

Man lobte sie, einen neuen Feminismus zu fördern: Endlich einmal gaben auch die Frauen ihre geheimsten sexuellen Sehnsüchte preis. Ihre Heldinnen onanierten mit dem Duschkopf und experimentierten mit ihren Körperflüssigkeiten («Feuchtgebiete») oder legten eine erstaunliche Offenheit in ihren Ehen an den Tag, indem sie den Partner ins Bordell begleiteten («Schossgebete»).

Kein Wunder, war nach zwei Romanen die Neugier des Publikums weiter angestachelt: Welches Tabu wird Charlotte Roche als nächstes brechen? Jetzt wissen wir es: keines.

Sex sells

Seit Beginn dieser Woche liegt das neue Buch prominent in den Läden. Dafür hat sich der Verlag auch gehörig eingesetzt: Man braucht keine verdorbene Phantasie zu haben, um beim Titel «Mädchen für alles» auch an Sex zu denken – vor allem, wenn die Autorin Charlotte Roche heisst.

Rot wie die Liebe ist denn auch der aufwendig gestaltete Kartonflyer, der in grosszügiger Auflage an Zeitungsredaktionen und Radio- und Fernsehstationen verschickt wurde. Ähnlich wie beim amerikanischen Thriller-Superstar Dan Brown wird ein neuer Roche-Titel jeweils kurzfristig angekündigt und figuriert nicht schon Monate vor Erscheinen in den Programmvorschauen. Auch das hat System: Solche Sonderbehandlungen erhalten nur die ganz grossen Namen. Offenbar garantiert diese Strategie besondere Aufmerksamkeit. Und Roche profitiert sicher auch noch vom klassischen Werbecredo: Sex sells.

Süffige Schreibe

Auch wenn der Sex – im Vergleich zu den beiden Vorgängerromanen – im neuen Buch weit weniger vorkommt. Aber der Reihe nach: Im Mittelpunkt der Geschichte steht Christine Schneider – alias Chrissie. Eigentlich hat sie alles, was zu einem glücklichen Leben gehört: einen tüchtigen Mann, ein gesundes Kind, eine grosse Villa. Und sie gibt auch unumwunden zu, dass ihr dieses Setting ursprünglich gefiel:

«Als wir das Haus eingerichtet haben, war ich voll mit Hormonen, Nestbautrieb, haben alle zu mir gesagt, jaja, da war ich wohl etwas kitschig unterwegs, hat schlagartig aufgehört nach der Geburt meiner Tochter, das Kitschigsein.»

Die Schreibe ist süffig, frech und unverblümt – so, wie man es von der Autorin kennt. Aber jede gute Story braucht eben auch eine Geschichte; und genau an einer solchen mangelt es in «Mädchen für alles».

Video ««Schossgebete»» abspielen

«Schossgebete»

5:05 min, aus Kulturplatz vom 24.8.2011

Unglaubwürdige Sexszenen

Was interessiert mich die Frustration einer verwöhnten Hausfrau, die weder mit Mann noch Kind etwas anfangen kann, teure Taschen und Klamotten liebt, ständig kokst und säuft, mit Freundinnen bricht und sich schliesslich – als Abwechslung – ein hübsches Kindermädchen ins Haus holt. Nicht für die Tochter, sondern primär für sich selber.

Die junge Marie lässt sich denn auch ohne Widerspruch von Chrissie verführen. Erotik unter Frauen also? Mitnichten: Diese Pseudo-Sexszenen sind derart unglaubwürdig und peinlich, dass man sehr bald das Interesse an der Lektüre verliert. Welche Angestellte lässt sich schon so ohne weiteres einfach von ihrer Chefin begrapschen?

Seitenlange Gewaltorgie

Marie erheitert Chrissies Leben, aber ihr Urproblem löst sie nicht: den Hass auf die Eltern. Und so fliegt Chrissie – mit Marie – nach Spanien, um endlich Klarheit zu schaffen. Kaum im Haus, holt sie sich ein Küchenmesser:

«Mein Vater dreht mir jetzt nicht mehr ganz sauber den Rücken zu, ich stecke die Klinge seitlich in die Taille und hoffe dort auf weniger Widerstand von innen, scheiss Knochen oder Rippen oder was da war. Das geht sehr gut. Na also.»

Seitenlang feiert Roche diese Gewaltorgie – sprachlich nicht schlecht gemacht, aber im Zusammenhang der Geschichte sehr irritierend.

Ein gutes Thema verschenkt

Ganz am Schluss merkt man, dass die ganze Brutalität nur eine Fantasie war. Zusammengeträumt auf dem Klo; Chrissies Eltern sind wohlauf. Erst jetzt fällt einem der Prolog wieder ein, und man blättert nochmals zurück an den Anfang:

«Mein ganzes Wissen über Menschen und Gewalt und wie man Menschen Gewalt richtig antut, ziehe ich aus Serien. Ich schaue fünf oder sechs Serien gleichzeitig.
Die Menschen in den Serien sind meine Wahlverwandten. Ich habe sie viel lieber als meine wirkliche Verwandtschaft. Meine Wahlverwandten bekommen von mir so viel Zeit und Aufmerksamkeit, da bleibt für echte Menschen nicht mehr viel übrig.»

Das Thema, was die Serien in unseren Köpfen anrichten, hätte durchaus Potenzial für einen interessanten Stoff. Aber Charlotte Roche vergibt die Chance. Eigentlich schade. Denn so wirken die vermeintlichen Skandalthemen – Gewalt gegen Eltern, fehlende Mutterliebe und Sex zwischen Frauen – einfach nur wie Schnee von gestern.

Buchhinweis

Charlotte Roche: «Mädchen für alles», Piper, 2015.

Sendung zu diesem Artikel