Dario Fo verkörperte die vornehmsten Seiten Italiens

Er war ein Rampentier und ein engagierter Kämpfer: Italiens lustigster Dramatiker und Literatur-Nobelpreisträger Dario Fo kam vor gut 90 Jahren am Lago Maggiore zur Welt. Eine Welt, die er stets unterhalten, aber auch auch verändern wollte. Nun ist er gestorben.

Dario Fo winkt.

Bildlegende: Immer streitbar, immer engagiert: Dario Fo war einer der politischsten Intellektuellen Italiens. Getty Images

Dario Fos Leben spielte sich auf der Bühne ab. Immer im Rampenlicht: des Theaters, der Politik, des sozialen Engagements. Er war ein Rampentier, aber es ging ihm bei aller Komik und aller spielerischen Lust nicht bloss um Unterhaltung, sondern um Veränderung.

«Theater ist immer politisch»

Dario Fo war Kommunist, und er kämpfte: gegen Ronald Reagan, gegen Silvio Berlusconi, gegen die Dummheit im Allgemeinen. «Theater ist immer politisch», meinte Dario Fo: «Gerade wenn es sich unpolitisch gibt, drückt es Probleme aus.»

Nun ist der italienische Literaturnobelpreisträger und Theaterautor im Alter von 90 Jahren gestorben. Das bestätigte ein langjähriger Freund am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur.

Eine lebenslange Liebe

Sein Weg war nicht von Anfang an vorgezeichnet: Fo stammte aus bürgerlichem Milieu, hat als Jugendlicher sogar mit dem Faschismus geliebäugelt. Er wollte Maler werden und hat an der Mailänder Accademia di Belle Arti di Brera studiert – dann aber seine lebenslange Liebe, die Schauspielerin Franca Rame, kennengelernt.

60 Jahre waren sie verheiratet, bis Franca Rame starb. Sie kam aus anderem Milieu, stammte aus einer alten Wandertheaterfamilie und war mit der Tradition des italienischen Volkstheaters aufgewachsen.

Dario Fo mit Mütze und Brille lächelt, umgeben von Journalisten.

Bildlegende: Dario Fo an der Frankfurter Buchmesse 1997 – im Jahr, in dem er den Nobelpreis für Literatur erhielt. Keystone

Der Clown und die Strippenzieherin

Franca Rame und Dario Fo ergänzten sich, wie man sich nur ergänzen kann: er der Clown im Rampenlicht, sie die Strippenzieherin im Hintergrund.

Die beiden haben sich ihre Stücke gemeinsam auf die Schauspielerleiber geschrieben: Titel wie «Bezahlt wird nicht», «Nur Kinder, Küche, Kirche», «Mistero buffo» oder die «Offene Zweierbeziehung» brachten frischen Wind in Italiens staubige Theater und wirbelten die christdemokratische Gesellschaft gehörig auf.

Der Wahrheitsfindung eine Bühne geben

Schwierigkeiten mit den Behörden bis zum Auftrittsverbot und der Verhaftung direkt ab der Bühne blieben nicht aus; ebenso wenig Dario Fos listige Gegenreaktion: Er hat sein Theater kurzerhand zum Privatclub umgewidmet, in einer alten Fabrikhalle bei Mailand.

Damit hat er eine ganze Generation von Theaterschaffenden bleibend beeinflusst. Dario Fos Theaterkollektiv «La comune» war das leuchtende Vorbild aller freien Gruppen der 1980er- und 1990er-Jahre.

Vom Schank bis zur scharfen Satire

Gemeinsam entwickelten sie ein Spiel, das Bertolt Brechts epischen Zeigefinger mit dem derben Witz des italienischen Volkstheaters mischt. Sie liessen zwischen virtuosem Schwank und scharfer Politfarce nichts aus, was der gegenwartskritischen Wahrheitsfindung diente – zuletzt noch mit der Berlusconi-Satire «L'Anomalo bicefalo», die doppelköpfige Anomalie.

Ein politischer Künstler

«Komödie muss Satire sein», sagte Dario Fo in einem Radiointerview mit SRF. Streitbar war er, immer engagiert, einer der politischsten Intellektuellen Italiens. Er hat sich selbst, wenngleich chancenlos, um das Bürgermeisteramt von Mailand beworben.

Als politischer Künstler – und wohl weniger wegen seines belletristischen Formats – wurde er 1997 denn auch zum Nobelpreisträger gekürt, was er selber mit «sono esterrefatto» kommentierte: «Ich bin bestürzt.»

In der Tradition der Commedia dell'arte

Weit mehr als ein Schriftsteller war er doch ein Schauspieler, ein Possenreisser, der seinen Schwung aus dem Stegreifspiel bezog, und damit stand Dario Fo natürlich ganz in der uritalienischen Tradition der Commedia dell'arte.

Und damit verkörperte er die vornehmsten Seiten Italiens: den kritischen Humor und das lebensfrohe Engagement.

Sendungen:
Radio SRF, Nachrichten, 13.10.2016, 10 Uhr.
Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 23.03.2016, 07:20 Uhr.