Das kleine «Anneli»: Erinnerungen an eine vergangene Zeit

Das «Tösstaler Anneli» ist wohl das berühmteste Mädchen der Schweizer Jugendbuchliteratur nach «Heidi». Das aufgeweckte Anneli erlebte die Frühindustrialisierung vor rund 150 Jahren im abgelegenen Tösstal – wahre Kindheitserlebnisse, festgehalten von der jungen Zürcher Lehrerin Olga Meyer.

Zeichnung eines Mädchens, das am Boden kniet und Blumen pflückt.

Bildlegende: Nicht immer war das Leben des «Anneli» so unbeschwert: Illustration aus der ersten Ausgabe von Olga Meyers Buch. flickr/mickythepixel/Rascher Verlag

Als 1919 Olga Meyers erstes Buch «Anneli. Erlebnisse eines kleinen Landmädchens» auf den Markt kam, hatte die damals 20-jährige Primarschullehrerin noch keinen Fuss ins Tösstal gesetzt. Warum auch? «Kannte ich es denn nicht schon lange? War ich denn nicht seit der Kindheit in diesem Tösstal gewesen?», schrieb sie später. Und über den Ort Turbenthal hielt sie fest: «Ich ging in diesem Dorf wie in meinem Kinderland ein und aus.»

Eine junge Frau mit schwarzer Bluse.

Bildlegende: Olga Meyer als 21-jährige Lehrerin. Wikimedia/Adrian Michael

Das Tösstal war die Heimat ihrer Mutter Anna, deren Kindheitserlebnisse sie in «Anneli» beschrieb. Ihr Erstling wurde ein grosser Erfolg und ist bis heute das meistverkaufte Buch von Olga Meyer.

Autorin wider Willen

Dass nicht der Erstling sondern der Zweitling das schwierigste Buch für einen Autor ist, musste auch Olga Meyer erfahren. «Anneli» ist ihr ja sozusagen «passiert», ist gewachsen.

Der Bestseller-Roman ist einem aufmerksamen Lehrer zu verdanken. Olga Meyer hatte nämlich ihren Schülern Kindheitserlebnisse ihrer Tösstaler Mutter Anna erzählt und diese Erinnerungen für den Unterricht aufgeschrieben. Ein Lehrerkollege nahm ohne Meyers Wissen die Blätter an sich – 1918 kamen sie als Jugendbuch für die Schulhausbibliotheken heraus und wurden zum Erfolg.

Die Krux mit dem «Nachfolge-Hit»

Für ihr zweites Buch begann Olga Meyer, in anderen Büchern nach einem Rezept zu suchen und nachzuschlagen, was man denn über Aufbau, Inhalt und Sprache im Zusammenhang mit Kinderliteratur wissen müsse. Und wurde immer verwirrter.

Schliesslich hatte sie 200 von Hand geschriebene Seiten beieinander: ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Märchen, ein bisschen Spannung – ganz nach dem Rezept anderer, eben sogenannter Fachleute. Das Manuskript wurde ihr mit dem vernichtenden Kommentar retourniert: «Fleissige Arbeit.» Olga Meyer verbrannte die Blätter und schwor sich, nie mehr zu schreiben.

Geschichten «von unten»

Ein kleiner Bub wies ihr den richtigen Weg. Einer, der immer zu spät in die Schule kam, barfuss, ungewaschen, zerzaust und abgrundtief verzweifelt. Er habe eben den Wecker nicht gehört, seine Mutter müsse so früh arbeiten gehen, sagte der Bub.

Olga Meyer begleitete den Jungen nach Hause, lernte das Elend seiner Familie kennen und spürte, wo ihre Stärke liegt: in den Geschichten «von unten», den Geschichten der kleinen Leute. Aus diesem Jungen wurde «Der kleine Mock». Diese Geschichte «aus dem Leben eines Stadtbübleins» erschien 1925.

Olga Meyer und Johanna Spyri

Olga Meyer liebte die Bücher von Johanna Spyri («Heidi»), in deren unmittelbarer Nähe sie in Zürich aufwuchs. Und Olga Meyers Vater, ein Briefträger, wusste zu berichten, Johanna Spyri hätte sich bei einmal ihm beklagt, sie finde keinen Schweizer Verleger.

Einzig die eigenartige Diskrepanz zwischen der Person und ihren Werken enttäuschte Olga Meyer: Sie sah keinen Zusammenhang zwischen der dunklen Gestalt der stets schwarz verhüllten Johanna Spyri und dem geliebten, lebensfrohen «Heidi».

Olga Meyer am Radio Beromünster

Ab 1955 bis Ende der 60er-Jahre bereicherte Olga Meyer immer wieder die Kinderstunde von Radio Beromünster mit eigenen Geschichten, die sie auch selber erzählte. Über ihre eigene Person verlor sie selten ein Wort. Doch 1968 erschien das Buch «Olga Meyer erzählt aus ihrem Leben». Darin berichtet die Autorin aus ihrer Kindheit am Zeltweg in Zürich. Am 19. Dezember 1968 stellte Olga Meyer den Hörerinnen und Hörern von Radio Beromünster ein Kapitel aus diesem Buch vor.

Obwohl Olga Meyers «Anneli»-Bücher nicht denselben Weltruhm erlangten wie Spyris «Heidi», gehört sie in der Schweiz zu den erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen des 20. Jahrhunderts. Sie gilt als Schöpferin des ersten Lesebüchleins an Schweizer Schulen.

Olga Meyer

Eine ältere Dame vor einem Blumenstrauss

Olga Meyer 1969 an ihrem 80. Geburtstag. Keystone

Olga Meyer (1889-1972) lebte in Zürich und war Lehrerin, Schriftstellerin und Journalistin. Von 1938 bis 1945 schrieb sie für die Schweizerische Lehrerinnen-Zeitung. Im Radio erzählte sie Geschichten für die Kinderstunden und schrieb Hörspiele, u.a. die Hörspielbearbeitung von Johanna Spyris «Heidi» mit Heinrich Gretler als Alpöhi.

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