Das trügerische Lächeln des Alligators

In seinem Roman «Das Lächeln der Alligatoren» schaut Michael Wildenhain hinter täuschende Oberflächen. Er versteht sich als politischer Autor – doch je länger er schreibt, desto mehr zweifelt er an seiner Wirkung. Also geht er neue Wege.

Aligator

Bildlegende: Lächeln und tödlich zubeissen. Das passiert in Michael Wildenhains Thriller mehrmals. Getty Images

Was kann sie denn, die politische Literatur? Bewirkt sie etwas? Michael Wildenhain überlegt einen Moment und antwortet dann, er wisse es nicht. Früher sei er überzeugt gewesen, dass man mit ihr etwas bewegen kann.

Früher bedeutet 1983. Zur Zeit seines ersten Romans «Zum Beispiel K.». Da war Wildenhain noch ganz nah dran am linksradikalen Milieu. Zwei Jahre als Hausbesetzer in Kreuzberg lagen da gerade hinter ihm. Heute, in einer Zeit ohne soziale und politische Dynamik, fehle der politischen Literatur der Resonanzraum, sagt Wildenhain.

Politischer Familienroman

Tatsächlich, die Zeiten haben sich geändert. Die Kämpfe der frühen Achtziger sind ausgekämpft. Und das Wort «politisch» heisst heute längst nicht einfach nur «links» oder «radikal».

Darüber kann man jammern oder man kann sich ändern. Und das tut Wildenhain. Der neue Roman – mittlerweile zusammen mit seinen Jugendbüchern und Theaterstücken schon die 27. Publikation – hat zwar politische Inhalte, kommt aber erst mal wie ein Familienroman daher.

Plötzlich ist nichts mehr wie es war

«Das Lächeln der Alligatoren» beginnt auf Sylt. Wahrscheinlich im Sommer 1972. Matthias, ein 15-jähriger Junge, verbringt hier den Urlaub mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder Carsten. Carsten hat einige Zeit davor einen Unfall gehabt. Bei einer Rangelei mit Matthias ist er aus dem Bett gefallen. Jetzt ist er geistig behindert und leidet unter einer Art Autismus. Das ist das Grunddrama des Romans und Matthias' Motivation, seine Geschichte zu erzählen.

Portrait Michael Wildenhain

Bildlegende: Michael Wildenhain beschreibt anfänglich eine Familienidylle. Dahinter lauert die Hölle. Marijan Murat

Matthias weiss nicht, ob der Unfall seine Schuld ist oder nicht. Darunter leidet er. Und unter den Folgen: die Familie zerfällt, der Vater verlässt die Familie. Die Mutter wird krank und stirbt. Matthias kommt zum Halbbruder seines Vaters, sehr viel älter als dieser, eine Koryphäe ausgerechnet auf dem Gebiet der Gehirnforschung. Aber er lernt auch ein Mädchen kennen. Die achtzehnjährige Marta pflegt auf Sylt Matthias' Bruder.

Fünf Jahre später trifft er sie wieder. In Berlin an der Uni. Eine Liebesgeschichte beginnt. Und man wird bis zum Schluss nicht wissen, warum sich Marta auf Matthias einlässt. Geht es ihr um ihn? Oder geht es ihr um seinen Stiefvater? Fakt ist: Marta ist mittlerweile Teil einer terroristischen Zelle nach Vorbild der RAF und erschiesst Matthias' Stiefvater, der wiederum – und das erfährt man erst lange nach den Schüssen – eine nationalsozialistische Vergangenheit hat: die Koryphäe der Gehirnforschung hat sich an der Euthanasieprogrammen der Nazis beteiligt.

Die Weltgeschichte in der Familiengeschichte

Und damit sind wir wieder beim politischen Roman, denn, so sagt Michael Wildenhain, der politische Autor könne über seine Figuren Fragen herausarbeiten, die mit Politik zu tun haben. Die Frage, wie man mit der Schuld umgeht, die Frage, welche Verantwortung man hat, oder die Frage, inwieweit solche Fragen überhaupt zu beantworten sind.

Worum es ihm aber am meisten geht, ist die Deutungshoheit. Die sei der Grund, warum er sich auch nach 30 Jahren Autorentätigkeit immer noch mit der RAF befasst. In Deutschland sei die Auseinandersetzung mit dem deutschen Herbst immer noch von Ideologie geprägt. Und beschrieben werde sie immer aus der Königsperspektive, also aus der, der handelnden Figuren: Schmidt und Herold gegen Baader und Meinhof. Viel interessanter und literarisch sinnvoller sei aber die Perspektive von unten. Die des Unbeteiligten. Die von Matthias, sagt Wildenhain.

Da kann man ihm recht geben: der Roman funktioniert und ist spannend wie ein Thriller. Ob er politisch etwas bewirkt, bleibt aber dahingestellt. Das sagt auch Michael Wildenhain.

Buchhinweis

Michael Wildenhain: Das Lächeln der Alligatoren, Klett Verlag 2015

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