«Deaf Slam ist kein Spiel, sondern Sprachkunst»

Andreas Juon steht als Slammer oft auf der Bühne und gebärdet Geschichten. Spass und Gemeinschaftsgefühl sind dabei wichtiger als der Sieg. Auch dieses Jahr steht er wieder beim 10. «Deaf Slam»-Contest in Winterthur auf der Bühne.

Andreas Juan

Bildlegende: Andreas Juon: Slammt mit den Händen, nicht mit der Stimme. Pascal Gähler

Herr Juon, was ist es für ein Gefühl, auf der Bühne zu stehen und eine Geschichte zu erzählen?

Andreas Juon: Das ist jetzt aber ein sehr direkter Einstieg! Ich stehe gerne auf der Bühne und stelle Poesie dar, wenn Freunde von mir im Publikum sind. «Deaf Slam» ist wie Musik für Gehörlose. Vor mehr als zehn Jahren wurde der «Deaf Slam» in Winterthur von einem Gehörlosen ins Leben gerufen. Er findet jeweils im Rahmen der Winterthurer Musikfestspiele im Kulturlokal Albani statt. Ich hatte eine Anfrage erhalten, mitzumachen und auf der Bühne zu slammen.

Wie lief der Auftritt?

Andreas Juon: Vor dem Auftritt war ich sehr nervös. Es lief nicht sehr gut. Ich habe den zweitletzten Platz gemacht. Ich hatte danach aber immer wieder kleinere Auftritte, konnte Erfahrungen sammeln und lernte dabei, wie man eine Beziehung zum Publikum aufbaut und Stimmung generieren kann. Von Mal zu Mal ging es besser. Heute trete ich sehr gerne vor Publikum auf. Nach wie vor habe ich aber vor jedem Auftritt Lampenfieber und habe zittrige Knie. Nach dem Auftritt fühle ich mich erleichtert und geniesse die Darbietungen der anderen Teilnehmer.

Sie sind schon oft aufgetreten. Haben Sie auch einmal gewonnen?

Es gibt drei Arten von Slam in der Deutschschweiz: den «Bilingual Slam», hier treten Gehörlose und Hörende auf, die traditionellen Slam-Veranstaltungen und den «Deaf Slam», der von Gehörlosen für Gehörlose organisiert wird. An einem reinen «Deaf Slam» habe ich noch nie gewonnen. Oft bin ich zweiter geworden. Bei den anderen Veranstaltungen habe ich schon gewonnen. Aber die Rangliste ist eigentlich gar nicht so wichtig, sondern mehr der Spass und das Gemeinschaftsgefühl. Ich werde auch dieses Jahr wieder beim «Deaf Slam» am 16. August in Winterthur auftreten. Dieses Jahr ist speziell, weil es bereits die 10. Veranstaltung ist.

Im Film «Deaf Jam» arbeitet die junge Protagonistin hart daran, an Ausdrucksstärke zu gewinnen. Ist die Gebärdensprache eine Sprache mit grossem Entwicklungspotential?

Man muss da unterscheiden. Die Gebärdensprache ist eine natürliche Sprache mit Grammatik, sie ist klar strukturiert und ist ein Kommunikationsmittel unter gehörlosen Menschen. Der «Deaf Slam» ist nicht reine Gebärdensprache, es ist eine poetische Form. Im «Deaf Slam» kann alles anders sein. Im «Deaf Slam» kann man Rollen übernehmen, mit schauspielerischen Elementen arbeiten und kann dazu auch die Gebärdensprache einsetzen. Einige Teilnehmer erzählen eine Geschichte mit dem Fingeralphabet, mit den Buchstaben, den Handformen des Fingeralphabets und ändern diese Handformen in eine Bewegung um, die eigentlich von einer anderen Gebärde kommt. Andere arbeiten mehr mit dem Körper und mit der Mimik. Einige verwenden einzelne Elemente der Gebärdensprache und verändern die Rhythmen, arbeiten mit visuellen Faktoren und schmücken die Gebärden aus. Es ist kein Spiel, sondern Sprachkunst. Und es gibt Teilnehmer, die ganz sauber Gebärdensprache brauchen und wirklich eine Geschichte in reiner Gebärdensprache erzählen.

Wie gut akzeptiert ist die Gebärdensprache in der Schweiz?

Heute sind viele Menschen soweit, dass sie sagen, es ist eine schöne Sprache, ich möchte sie lernen. Unter den Fachleuten ist die Akzeptanz umstritten. Viele finden es besser, dass Gehörlose die reine Lautsprache zu lernen, um ihre Chancen im Berufsleben zu erhöhen. Andere finden, dass die Gebärdensprache sehr wichtig für die Bildung ist und sie gefördert werden muss.

Was wären Ihre Wünsche für die Gebärdensprache in der Schweiz?

Andreas Juon (lacht): Dass sie anerkannt würde, wie das in Österreich und den skandinavischen Ländern der Fall ist. Es wäre ganz wichtig, dass die Gebärdensprache zur fünften Landessprache würde. Und ich wünschte mir, dass die kleinen Kinder von Anfang an beide Sprachen lernen könnten. Nicht dass die Gebärdensprache erst viel später dazukommt, wenn es schon fast zu spät ist. Wenn die Kinder grösser sind, können sie dann selber entscheiden, welche Sprache für ihren Lebensalltag wichtig ist.

Zur Person

Andreas Juon (*1978) ist gehörlos von Geburt an. In Zürich besuchte er die dreijährige Sekundarschule für Gehörlose. Anschliessend schloss er eine Lehre als Hochbauzeichner im bündnerischen Brigels ab. Von 2001 bis 2005 machte er die Ausbildung zum Gebärdensprachlehrer. Seit 2005 bietet er an seiner Schule in Winterthur Kurse in Gebärdensprache an.

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