Claudio Magris' grosser Roman Den Krieg dokumentieren, um den Frieden zu preisen

Claudio Magris hat einen epochalen Roman geschrieben. «Verfahren eingestellt» handelt von einem KZ in Italien, einem besessenen Sammler und von der Gefahr des Verdrängens.

Im Hintergrund eine verschwommene Landschaft bei Sonnenuntergang, im Vordergrund eine Flamme.

Bildlegende: «Verfahren eingestellt» ist ein Roman über den Krieg – aber trotzdem kein pessimistisches Buch. Photocase

In Claudio Magris’ Büchern tauchen oft Besessene auf, und ein Besessener ist der Autor selbst: Sieben Jahre schrieb er an seinem neuen Essayroman «Verfahren eingestellt».

Es geht darin um einen rätselhaften, bizarren Sammler in Triest, der tatsächlich gelebt hat. Er hiess Diego de Henriquez.

Seine Besessenheit bestand darin, Kriegsreliquien und Waffen zu sammeln: Panzer, Kanonen, Raketen, gar ein U-Boot. Seine Vision war es, ein «Kriegsmuseum zum Zwecke des Friedens» zu errichten. Den Krieg wollte er in allen Facetten dokumentieren, um den Frieden zu preisen.

Einer stört das Schweigen

1974 starb der Sammler bei einem mysteriösen Brand inmitten seiner Kriegsobjekte. Vielen Menschen in Triest war er nicht geheuer.

Er hatte die «Omertà» gestört, das Schweigen, auf das sich alle Bürger nach dem Krieg eingeschworen hatten: De Henriquez soll im Konzentrationslager Risiera di San Sabba die Namen von einheimischen Mitläufern abgeschrieben haben, die die Häftlinge in die Zellenwände geritzt hatten.

Konfrontation mit der Vergangenheit

Eine Frau, Luisa, die selber Angehörige in diesem KZ verloren hat, sichtet nun die Papiere und Gegenstände des Sammlers. Sie soll das von Diego de Henriquez geplante Museum ins Leben rufen.

Konfrontiert mit der Geschichte des Sammlers, wird sie immer mehr mit ihrer eigenen Geschichte und der Geschichte Triests im Zweiten Weltkrieg konfrontiert.

Ein italienisches Vernichtungslager

Claudio Magris selbst wurde 1939 Triest geboren und lebt heute wieder dort. Ihm geht es nicht um eine Entzauberung seiner kosmopolitischen Heimatstadt Triest.

Er konfrontiert ihre Bewohner aber mit der lange ausgeblendeten Geschichte der Risiera di San Sabba, einem Konzentrationslager, das die Nazis auf italienischem Boden errichtetet haben.

Die Risiera ist das Schmerzzentrum des Buches. «Verfahren eingestellt» ist ein Roman über den Umgang in Triest mit dieser lange verschwiegenen KZ-Realität.

Plädoyer für den Frieden

Darüber hinaus ist es ein Buch über den Krieg schlechthin, über Versuche des Erinnerns, über die Kraft des Vergessens, über die Gefahr des Verdrängens.

Indem Claudio Magris vom Krieg erzählt, plädiert er für den Frieden. Aber mit Blick auf die Ostukraine, Syrien oder Afghanistan ist er überzeugt, dass wir weit von einer globalen Friedenssituation entfernt sind.

Der vierte Weltkrieg

«Wir erleben jetzt den vierten Weltkrieg», sagt er im Gespräch. «Was wir den Kalten Krieg nennen, müsste zutreffender als Dritter Weltkrieg bezeichnet werden, denn in Vietnam und in anderen Gegenden verloren Millionen von Menschen durch Kriegshandlungen ihr Leben.»

Europa bekomme zurzeit vor allem die Folgen dieses vierten Weltkriegs zu spüren: Tausende von Flüchtlinge suchen bei uns Zuflucht.

Trotz Düsternis kein Pessimismus

Claudio Magris bekennt sich trotz seiner düsteren Weltsicht zu Romain Rollands Losung: «Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens». Auch «Verfahren eingestellt» ist kein pessimistisches Buch, sondern ein manchmal zwar ungestümer, ausufernder, aber immer anregender Roman voller Leben, Klugheit und Humor.

Zur Person

Porträt von Claudio Magris

Keystone

Claudio Magris wurde 1939 in Triest geboren und studierte Germanistik in Turin und Freiburg. Später war er Professor für Deutsche Sprache und Literatur in Triest. Neben dem Leipziger Buchpreis für Europäische Verständigung 2001 und anderen wichtigen Literaturpreisen wurde Magris 2009 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Buchhinweis

Claudio Magris: «Verfahren eingestellt», aus dem Italienischen von Ragni Maria Gschwend. Hanser, 2017.

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