Der Fall Scholl: Bis dass der Mord Euch scheidet

Das Verbrechen erschüttert ganz Deutschland: Der ehemalige SPD-Bürgermeister von Ludwigsfelde, Heinrich Scholl, wird wegen Mordes an seiner Ehefrau zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Die Journalistin Anja Reich dokumentiert im Buch «Der Fall Scholl – das tödliche Ende einer Ehe» die Hintergründe.

Ein Absperrband hängt zwischen zwei Bäumen im Wald.

Bildlegende: Die Leiche von Heinrich Scholls Frau Brigitte wurde im Wald gefunden, versteckt unter Moos. Keystone

47 Jahre lang waren Brigitte und Heinrich Scholl verheiratet. Bis die Frau an einem kalten Wintertag Ende Dezember 2011 von einem Hundespaziergang nicht mehr zurückkehrt. Kurze Zeit später wird sie im Wald gefunden: erdrosselt, versteckt unter einem Haufen Moos. Daneben liegt – ebenfalls getötet – der Spaniel Ursus. Der Verdacht fällt bald auf den Ehemann: seine DNA-Spuren werden am Tatort gefunden; zudem fehlt ihm ein Alibi.

Gespräche im Gefängnis

Die Journalistin Anja Reich hat den achtmonatigen Indizien-Prozess als Gerichtsberichterstatterin der «Berliner Zeitung» verfolgt und sich dabei immer mehr für die Geschichte hinter diesem Verbrechen interessiert: Was ist in der Ehe Scholl schiefgelaufen? Warum machen sich Menschen das Leben zur Hölle und können trotzdem nicht getrennte Wege einschlagen?

Anja Reich recherchierte im Umfeld des Paares, suchte Kontakt zu ehemaligen Polit-Kollegen und schaffte es, auch Heinrich Scholl für das Buchprojekt zu gewinnen: Als einzige Journalistin durfte sie ihn regelmässig im Gefängnis besuchen und lange Gespräche mit ihm führen.

Heirat als Notlösung

So entstand vor ihrem inneren Auge das Bild einer Beziehung, die von Anfang an unter keinem romantischen Stern stand: Brigitte Scholl wurde als junge Frau schwanger; weil sich der Vater des Kindes sofort aus dem Staub machte, sprang der kleingewachsene Heinrich Scholl in die Lücke des Bräutigams und verhinderte so den Familien-Skandal. Wortwörtlich steht im Buch: «Brigitte Scholl hatte ihn unter all ihren Freunden ausgewählt, weil er tüchtig war. Und in dieser Beziehung enttäuschte er sie nicht: Sie war die Bestimmende im Haus; sie sagte, was zu erledigen war. Und er wäre nie auf die Idee gekommen, seine Rolle in Frage zu stellen.»

Sie befahl – er gehorchte

Und so nahmen die ungleichen Machtverhältnisse im Hause Scholl ihren Anfang. Sie schrieb Zettel, welche Aufgaben zu erfüllen waren: «Einkaufen gehen, Müll runterbringen, Küche wischen.» In der Regel notierte sie auch gleich noch die genaue Uhrzeit. Er gehorchte.

Später, wenn er es – neben all seinen beruflichen Aufgaben – einmal versäumte, rechtzeitig den Rasen zu mähen, soll sie ihm zur Strafe das Abendessen verweigert haben.

Nach der Wende machte Heinrich Scholl rasch in der SPD Karriere; 18 Jahre lang war er populärer Bürgermeister von Ludwigsfelde, südlich von Berlin. Unter seiner Führung mauserte sich die arme Stadt in der ehemaligen DDR zum aufstrebenden Wirtschaftsstandort. Die Scholls waren gern gesehene Gäste auf dem gesellschaftlichen Parkett: Nach aussen markierten sie das glückliche Paar, obwohl sich hinter der Fassade Abgründe auftaten.

Psychogramm einer unseligen Ehe

Anja Reich schafft es als Autorin, diese fatalen Entwicklungen in der Beziehung Scholl aufzuarbeiten, ohne je voyeuristisch oder parteiisch zu werden. Ihr Buch ist ein eindrückliches Psychogramm einer unseligen Partnerschaft.


Interview mit Anja Reich

4:22 min, aus Kultur kompakt vom 30.06.2014

Anja Reich sieht beide auch als Opfer ihrer Generation und ihrer kleinbürgerlichen DDR-Herkunft. «Für Brigitte war der Schein das Wichtigste. Deshalb musste auf alle Fälle die intakte Ehe vorgespielt werden», erklärt die Journalistin im Gespräch. Heinrich Scholl hingegen, ungeliebtes Kind seiner Eltern, habe sich stets nach einem Zuhause gesehnt: «Bei Brigitte Scholl hat er es gefunden. Er konnte sich wohl ein Leben ohne sie nicht vorstellen.»

Scholl bestreitet die Tat

Nach der Pensionierung hat Heinrich Scholl zwar einen Flucht-Versuch unternommen: Vorübergehend zog er nach Berlin und lebte mit einer thailändischen Prostituierten zusammen. Als diese ihn verliess, kehrte er im November 2011 zu seiner Frau Brigitte zurück. Diese empfing ihn ohne Begeisterung. Vier Wochen später lag sie tot im Wald.

Heinrich Scholl bestreitet bis heute die Tat. Ein Revisionsverfahren hat unlängst den Schuldspruch bestätigt. Auch Anja Reich glaubt, dass nur Heinrich Scholl der Mörder sein kann. Sie versteht allerdings nicht, warum er dabei so dilettantisch vorgegangen ist. Frühestens in 15 Jahren wird der ehemalige Vorzeige-Bürgermeister aus dem Osten das Gefängnis verlassen können. Dann wird er 86 Jahre alt sein.

Buchhinweis

Anja Reich: «Der Fall Scholl: Das tödliche Ende einer Ehe». Ullstein, 2014.

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