Der Hörspieler Urs Widmer: Komponieren, ohne Komponist zu sein

Fast 50 Hörspiele hat der Schriftsteller Urs Widmer geschrieben und zum Teil auch selber inszeniert. Sein Wunsch, vielleicht auch zum 75. Geburtstag am 21. Mai: Ein Massenstau auf der Autobahn, in dem alle Hörspiel hören und gleichzeitig anfangen zu weinen. Ein Überblick über sein Hörspiel-Schaffen.

Nahaufnahme von Urs Widmer in seinem Garten.

Bildlegende: Urs Widmer schreibt Fiktion - und will dabei möglichst viel Wirklichkeit spürbar machen. Keystone

Hörspiele gehörten zu Urs Widmers ersten schriftstellerischen Veröffentlichungen, und das Verfassen von Hörspielen, die er oft auch selber inszeniert, bildet durchgehend und erklärtermassen einen wesentlichen Teil seines literarischen Schaffens. Hörspiel habe wenig mit Theater zu tun und sehr viel mit Musik, sagt Widmer, der seit 1973 auch mehr als ein Dutzend Theaterstücke geschrieben hat.

Und: «Hörspielmachen kommt mir vor wie die Möglichkeit zu komponieren, ohne ein Komponist zu sein. Ich wäre gern Komponist geworden. Das Hörspiel ist sozusagen mein Ausweg.» Sowieso spielt Musik in seinen Hörspielen häufig eine wichtige, ja zentrale Rolle. Während Jahrzehnten hat er eng mit dem 2012 verstorbenen Komponisten Peter Zwetkoff zusammengearbeitet.

Fiktion und gesellschaftliche Wirklichkeit

Widmers Erzählungen, Romane und viele seiner mittlerweile über 50 Hörspiele zeigen eine Vorliebe für überraschende Wendungen, Unheimlich-Hintergründiges und für Motive aus der Trivialliteratur. So nutzt er in einigen Romanen Muster des Abenteuerromans, in anderen Werken spielt er kunstvoll mit unterschiedlichen Zeitebenen. Fantastisch-Surreales prägt häufig sowohl seine Prosa als auch seine Hörspiele und Theaterstücke. Widmer will - nach eigener Definition - einerseits «Fiktion» schreiben, dabei aber auch «möglichst viel gesellschaftliche Wirklichkeit spürbar werden lassen.»

Familiengeschichte in Romanen

Die Geschichte seiner Familie arbeitete Widmer in den Romanen «Der Geliebte der Mutter» (2003), «Das Buch des Vaters» (2005) und «Ein Leben als Zwerg» (2008) auf: In melancholischer Heiterkeit verbindet er anrührende persönliche Bilder mit solchen der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts. Neben den Prosatexten entstanden und entstehen weiterhin Hörspiele und Theaterstücke, die realistisch-historisch, als Farce, Groteske oder Satire, Wirklichkeit im doppelten Sinn vorführen.

Ausgezeichnete Hörspiele

Widmers Hörspielschaffen war und ist nicht nur beständig, es ist auch ausgesprochen vielfältig. Dafür zeugen die beiden wichtigsten deutschen Hörspielpreise (der eher konventionell ausgerichtete Hörspielpreis der Kriegsblinden und der Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst), mit denen der Autor innerhalb von zwei Jahren - 1974 und 1976 - in ganz unterschiedlichen Hörspiel-Genres ausgezeichnet wurde.

Gerade auch für Widmers Hörspiele gilt in dieser Hinsicht, was in «Das Magazin» vom 13.5.2006 zu lesen ist: «Urs Widmer ist der Zauberer unter den Schweizer Schriftstellern. Wenige Schriftsteller haben die Freiheit, die ihnen die Literatur gibt, so grosszügig in Anspruch genommen, in der Schweiz schon gar nicht. Wenige auch sind so verspielt und betreiben wiederum das Spiel mit solchem Ernst wie Urs Widmer.»

Dazu passt aufs Schönste, dass Urs Widmer einmal meinte, sein Fernziel sei ein Massenstau auf der Autobahn, weil allen Autofahrern, Hörspiel hörend, im gleichen Augenblick die Tränen in die Augen schössen. Vielleicht könnte ihm das noch einmal gelingen.

Kurzbiografie

Der Schriftsteller und Übersetzer Urs Widmer wurde am 21. Mai 1938 in Basel geboren. Er studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte. 1966 promovierte er mit einer Arbeit über die deutsche Nachkriegsprosa; sein Werk umfasst Romane, Erzählungen, Hörspiele, Theaterstücke und Essays. Widmer lebt zwischen 1967 und 1984 in Frankfurt, zunächst als Verlagslektor, Journalist und Dozent für neuere deutsche Literatur. 1968 debütiert er als Schriftsteller mit der Erzählung «Alois». 1969 gehört er zu den Mitbegründern des Verlags der Autoren, in dem seine Theaterstücke bis heute erscheinen. Seit 1984 lebt er in Zürich.

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