Der Kollaps eines Geschäftsmannes

Pierre Bost war einer der bekanntesten französischen Schriftsteller der Zwischenkriegszeit. Mit dem Roman «Bankrott», der nach 75 Jahren wieder auf Deutsch übersetzt worden ist, erfahren wir viel über die damalige Arbeitswelt im Büro. Die Ähnlichkeiten mit der heutigen Geschäftswelt sind frappant.

Geschäftsleute auf der Strasse im Gegenlicht.

Bildlegende: «Bankrott» erzählt vom Niedergang einer Firma und eines Menschen. Keystone

Es gibt Literatur, die nur Franzosen schreiben können. So leicht und elegant mutet sie an. Auf den ersten Blick. Beim zweiten Hinsehen entdeckt man darüber hinaus, dass Pierre Bost nicht nur ein Meister der Form ist. Nein, er schreibt auch ebenso existenziell wie tiefgründig. In «Bankrott» entwickelt er das Psychogramm eines Firmenchefs, der seine vom Vater geerbte Zuckerhandelsfirma in den Ruin treibt. Und zwar, weil ihn mindestens ein Burn-out, wenn nicht eine Depression aus der Bahn wirft.

Die Zeitung erklärt Brugnon für verrückt

Die Geschäfte laufen auf Hochtouren. Der Umsatz steigt. Patron Brugnon will aber mehr Profit. Er beginnt an der Börse zu spekulieren und geht immer höhere Risiken ein. Indem er zum Beispiel seine Ware nicht korrekt deklarieren lässt. Brugnon gibt sich im Büro knallhart und autoritär. Er achtet seine Mitarbeiter gering. Mit einer Ausnahme: Seinen persönlichen Sekretär Poussin hält er mit Einladungen in Restaurants und Cabarets bei Laune.

Brugnon gibt sich verwegen präpotent. Es sei notwendig, verkündet er, «dass es Menschen gibt, die den anderen überlegen sind (...) und ich will einer dieser Menschen sein.» Seine überdrehte Gewinnsucht gebietet ihm erste körperliche Anzeichen von Schwäche vor seinem Sekretär zu überspielen. Brugnon missachtet lange die Zeichen seines psychischen Zerfalls. Die Wirklichkeit sollte ihn bald einholen, nachdem ihn eine Zeitung bereits für verrückt erklärt hatte.

Starke Frauenfiguren

Pierre Bost verknüpft das Arbeitsleben mit dem Privaten seines Helden, um zu zeigen, wie lächerlich und schwach diese Männerfigur eigentlich ist. Und wie stark andererseits die Frauen in seinem Umfeld sind. «Bankrott» ist insofern ein frühes Genderstück. Brugnon ist mit Simone liiert, einer Buchhändlerin mit eigenem Laden. Es ist eine platonische Verbindung. Brugnon holt sich den Sex anderswo. Simone toleriert dies, in der Gewissheit, dass Sie ihrem Partner etwas vorenthält. Sie ist ihm aber dennoch eine Vertraute, die ihn nie hängen lässt. Auch dann nicht, als der Zuckerhändler ein unübersehbares Burnout hat, arbeitsunfähig ist und seine Firma sich schnell auflöst.

Nicht weniger inspirierend ist die zweite Frauenfigur Florence. Brugnon hatte sie in kürzester Zeit zu seiner persönlichen Assistentin erkoren. Er projizierte sein ganzes erotisches Defizit auf die junge Frau. Diese wies aber die Avancen ihres Chef standhaft ab und zeigte ihm letztlich die kalte Schulter. Florence kündigte und trug die Konsequenzen.

Eine präzise Analyse

Bost zeigt einen Firmeninhaber, der als Workaholic keinen Ausweg mehr aus seiner Profitmaximierungssucht findet. Der Roman ist eine psychologisch sehr präzise Analyse des Zeitgeists der 1920er-Jahre aufgrund eines Fallbeispiels, das auch heute noch repräsentativ ist.

Der Romantitel bezieht sich auf den wirtschaftlichen Kollaps des Hauses Brugnon wie auf den Ruin eines Mannes, der sich an seinem eigenen Grössenwahn übernommen hat. Die unerbittliche Härte des Geschäftslebens zu Beginn der Moderne kommt schon so zum Ausdruck wie sie heute, bald 100 Jahre später, in der Grundstruktur des Business weiterlebt. Man könnte sagen: In «Bankrott» findet man die Wurzeln der Auswüchse der heutigen Geld- und Warenwirtschaft.

Buchhinweis

Pierre Bost: «Bankrott». Deutsche Übersetzung von Rainer Moritz. Dörlemann, 2015.

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