Der Sprachmagier der Schweizer Gegenwartsliteratur ist zurück

Er gilt als Geheimtipp der Schweizer Literatur: Hermann Burger (1942-1989). In seinen Romanen errichtete er den Aussenseitern des Lebens ein Denkmal. Sein Gesamtwerk erscheint diesen Februar neu. Der ehemalige Fernsehredaktor Peter K. Wehrli erinnert sich an eine Begegnung mit dem Sprachakrobaten.

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Hermann Burger als Zauberer Diabelli (Monatsmagazin, 19.12.79)

15 min, vom 7.2.2014

Es war im Restaurant «Eckstein» im Zürcher Oberdorf. Eine Quartierbeiz und alles andere als ein Nachtclub. Und trotzdem trat dort am 17. August 1979 ein Zauberer auf. Absolut professionell war seine Erscheinung. Im roten Zaubererwams, in das er beim Aufstehen geschlüpft war, hätte er auch in ein Varietéprogramm gepasst.

Da war kein Ansager und auch kein Plakat, welche die Darbietung des Magiers angekündigt hätten. Einfach so stand er auf vom Tisch, ein Gast unter Gästen, und liess sein Süppchen kalt werden. Die magischen Gesten und die Beschwörungsformeln erschienen den übrigen Gästen im Lokal derart irritierend, dass sie allesamt vergassen, ihren Löffel zum Mund zu führen.

Um Aufmerksamkeit zaubern

Hermann Burger als Zauberer mit Metallringen in der Hand.

Bildlegende: Hermann Burger, der Dichter, der auch Zauberer war. Yvonne Böhler

Als die Vorstellung nach einer Viertelstunde zu Ende war, dämmerte den Gästen im Restaurant, dass sie hier nicht einen der üblichen Artisten vor sich hatten. Ein solcher hätte am Schluss, als er sich wieder an seinen Suppenteller setzte, bestimmt nicht so vernehmlich, dass es alle hörten, den Satz gesagt: «Das Zaubern hilft den Ungeliebten, die Aufmerksamkeit und die Beachtung vieler auf sich zu ziehen».

Und beim ersten Löffel der kalt gewordenen Suppe fügte er bei: «Es ist der erlittene Liebesverlust, der jemanden dazu bewegt, Zauberer zu werden». Und erst, als der Zauberer die Beiz verlassen hatte, wurde im Wirtssaal die Ahnung laut: «War das nicht ... der Dichter? Wie heisst er nur...?» Und als dann an einem Tisch sein Name geflüstert worden war, ging er wie ein Gerücht durch den Saal: Hermann Burger.

Sprachmagier und Wortakrobat

Jetzt wurde klar, warum dieser Zauberer nicht einfach von «zaubern», von «verschwinden lassen» und von «schwuppdiwupp» gesprochen hatte, sondern davon, dass er Fünffrankenstücke «palmierte», dass er harte Eier «eskamotierte» und den Zauberer «Prestidigitateur» nannte.

Der journalistische Zufall wollte es, dass ich Monate nach diesem unerwarteten Auftritt im «Eckstein» ein Interview mit Hermann Burger drehen musste. Ich brauchte ihn nur an diese drei geheimnisvollen Wörter zu erinnern, und er legte los mit Erläuterungen, wie er zu seinen üppig wuchernden Satzkonstruktionen und zu seinen Worterfindungen komme.

Wie ein Wissenschaftler lege er zum Thema, das er gerade bearbeite, Wortfelder an aus Fachbezeichnungen. Es hörte sich fast so an, als habe er den «Magischen Eid» der Zauberer nicht eigentlich des Zauberns willen abgelegt, sondern weil er auf diese Weise Zugang erhielt zur magischen Fachliteratur, die ihm neue, unerhörte Wortfelder eröffnete.

Die Lebensursache, die sich in der Sprache offenbart

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Hermann Burger: Sein letztes Buch (Literaturmagazin, 12.3.89)

9:31 min, vom 7.2.2014

Diese Praxis der Wortsystematik hatte sich Burger bereits für seinen Romanerstling «Schilten» angeeignet. Da legte er seine Wortfelder um die Begriffe «Schule», «Erziehung», «Friedhof» herum an. Und er staunte, dass sich diese Felder wie selbsttätig dauernd mit neuen Begriffen anreicherten.

Jetzt wurde mir auch deutlich, wie die üppigen Wortkreationen aus den Bereichen «Magie, Varieté, Zaubern» in der grandiosen Erzählung «Diabelli» zustande gekommen sind: «Von einer eigenen Erfahrung ausgehend, sucht man Bezeichnungen für Dinge, für die es noch keine Wörter gibt». Wie ein Lehrling hat er sich so in seine Themen hineingearbeitet, sogar dort, wo er das Tatsächliche lustvoll mit Erfundenem verband.

Tatsächlich ist Burger der mächtigste Sprachmagier der Schweizer Gegenwartsliteratur. Er setzt uns aus im Burgerschen Wortlabyrinth und wirft uns doch den Ariadnefaden zu, an dem wir uns zum Verstehen hangeln. Im Grunde möchte er, dass wir ihm als Leser beistehen bei der Suche nach der «Lebensursache», die sich nur in der Sprache offenbart.

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