Der Virus des Scheiterns

Der Autor Richard Yates war ein Alkoholiker am Rande des Nervenzusammenbruchs. Er fand zu Lebzeiten kaum Beachtung, geriet in Vergessenheit und blieb privat glücklos. 20 Jahre nach seinem Tod ist die Rehabilitierung Yates' fast geschafft: Der Schlüsselroman «Eine gute Schule» erscheint auf deutsch.

Nahaufnahme von Yates, der in die Kamera schaut.

Bildlegende: Richard Yates gleicht den Figuren, die er in seinen Romanen auftreten lässt. Jerry Bauer

Yates’ Konterfei ist ein tiefes Faltengebirge im Zerfall. Er muss in seinen späteren Jahren als Collegelehrer seinen Studenten wie ein aus der Zeit gefallenes Wrack erschienen sein.

Yates (1926 bis 1992) stammte aus  bescheidenen Verhältnissen, musische Gene dürfte der Künstler von seinen Eltern geerbt haben. Der Vater war Vertreter und verkappter Sänger, die Mutter eine erfolglose Bildhauerin.

Noch als Teenager heuerte Yates als Soldat an. Im Ardennenkrieg ruinierte er seine Lungen und in Paris verlor er seine Jungfräulichkeit. Sein frühes Schreibtalent vergeudete der Bohemien nach dem Krieg als journalistischer Wasserträger im New Yorker Westvillage. Er war zwei Mal unglücklich verheiratet und hatte drei Töchter, zu welchen er keinen Draht gefunden hat. 

Seine Prosa lebt von seinem eigenen, ständig auf der Kippe stehenden Leben. Es ist in der Tat frappant, wie dieser Autor seinen eigenen literarischen Figuren gleicht.

Verführerische Aufsteigerträume

Yates’ Romanpersonal hält dem Druck auf das Familien- und Privatleben nicht stand. Paare träumen vom sozialen Aufstieg während sie in die Spiessbürgerlichkeit abgleiten. Infolgedessen spielen sich Tragödien hinter pastellfarbenen Fassaden ab. Im Roman «Zeiten des Aufruhrs» («Revolutionary Road») folgen wir einem Ehepaar, das seinen Traum vom sozialen Aufstieg weiterträumt, derweil es sich in Seitensprüngen verheddert. Dieser Stoff ist 2008 von Sam Mendes verfilmt worden mit dem Glamourpaar Leonardo Di Caprio und Kate Winslet, das schon im Blockbuster Titanic gemeinsam vor der Kamera gestanden hatte.

Im Roman «Ruhestörung» griff Yates das Tabuthema Verrücktheit auf. John Wilder arbeitet als Anzeigenvertreter. Abends hängt er auf Cocktailpartys herum. Dieses Lotterleben bringt sein inneres Gleichgewicht ins Schwanken. Wilder absolviert in diesem Roman schliesslich einen zutiefst verstörenden, aber realsatirischen Höllenritt  auf einer Psychiatriestation. Auch dies ist eine nur leicht getarnte reale Episode, die der Autor als Patient einer Nervenklinik selbst erlebt hat.

Schlachtfeld College

Richard Yates absolvierte ein fortschrittliches aber stramm leistungsorientiertes College. Dem mittellosen Richard wurde dort klar gemacht, dass er ein Underdog sei. Seine Mitschüler haben ihn denn auch kräftig eingeschüchtert.

Aber Yates konnte gut schreiben. Er überlebte seine Schulzeit nur dank dem Umstand, dass er die Schulzeitung redigieren konnte. In dem neu auf deutsch erschienenen Roman «Eine gute Schule» widerfährt der Hauptperson Bill, Alter Ego seines Schöpfers Yates, genau das Gleiche.

Aus der Reihe unvergesslicher Charaktere sticht der behinderte Naturkundelehrer Jack Draper hervor. Seine Frau hat ihn jahrelang mit einem Kollegen betrogen. Um seinem Kummer zu entfliehen, beschliesst er im Chemielabor seinem Leben ein Ende zu bereiten. Da fusionieren bitterer Ernst und tragische Komik zu einem Meisterstück.

Yates ist kein Sprachakrobat wie ein Nabokov, kein so obsessiver Autor wie Harold Brodkey oder William Gaddis. Yates’ Werke drängen ins Szenische. Diese Prosa ist glasklar-tiefgründig. Die Geschichten leben von kernigen Dialogen in hochdramatischen Miniaturen. Das ist oft beklemmend, aber meisterhaft, zeitlos, schön. 

Buchhinweise

Richard Yates: «Eine gute Schule». DVA, 2012.

Rainer Moritz: «Der fatale Glaube an das Glück. Eine Einladung, Richard Yates zu lesen». DVA, 2012.

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