Manga-Künstler Der Zeichner, der die Frauen liebte

Starke Frauen, die gegen patriarchalische Konventionen kämpfen, prägen das Werk des japanischen Mangaautors Kazuo Kamimura.

Zeichnung: Elegante Frau mit Hut trinkt aus Glas mit Strohhalm.

Bildlegende: Die Liebe zu den Frauen – und zum Alkohol – prägte Kamimuras Leben. Festival de la Bande Dessinée d'Angoulême

  • Der Mangaautor Kazuo Kamimura gilt als der Zeichner der Frauen. Er inszeniert sie als stark, selbstbewusst und schön.
  • In seinen Geschichten bricht er immer wieder Tabus: Es geht um Liebe, Sex und die Auflehnung gegen das Patriarchat.
  • Er ist Chronist des zerrissenen Nachkriegsjapans und macht den Manga ab 1960 dank gesellschaftlich relevanter Stoffe erwachsen.
Eine Seite aus dem Manga «Lady Snowblood»

Bildlegende: «Lady Snowblood» diente als Vorlage für den Film «Kill Bill». Kana

Hierzulande ist Kazuo Kamimura vor allem bekannt als der Zeichner von «Lady Snowblood». In diesem 1000 Seiten starken Manga-Epos über Rache, Gewalt und Sex jagt eine junge Frau die Mörder ihrer Eltern und bringt sie auf einfallsreiche und brutale Weise um.

Falls der Plot vertraut klingt, ist das kein Zufall: «Lady Snowblood» wurde 1973 verfilmt und war auch die Vorlage für Quentin Tarantinos «Kill Bill».

Dieser blutrünstige Thriller ist eine Ausnahme in Kazuo Kamimuras Schaffen. Er wird in Japan vielmehr als ein grosser Chronist verehrt, weil er ein eindringliches und für damalige Verhältnisse provokantes Sittengemälde des gesellschaftlich zerrissenen Nachkriegsjapans entwarf.

Hass auf den Vater

Kazuo Kamimura kam 1940 zur Welt. Sein Vater, ein gewalttätiger Trunkenbold, liess die Familie schon früh im Stich. Kamimura hasste ihn dermassen, dass er seinen Tod öffentlich feierte.

Kazuo Kamimura beim Zeichnen.

Bildlegende: Kazuo Kamimura. Festival de la Bande Dessinée d'Angoulême

Der kleine Kazuo wuchs mit seiner Mutter, die nach der Scheidung eine Bar führte, und seinen drei Schwestern in einem sehr weiblichen Haushalt auf.

Das prägte auch seine Geschichten: Von Anfang an lehnte Kamimura männliche Helden ab. Er inszenierte lieber selbstbewusste, selbständige, starke und schöne Frauen, die in Japans rigider patriarchalischer Gesellschaft ihren Weg gingen, mit den Konventionen brachen, und manchmal – aber nicht immer – ihr Glück fanden.

Scheidungen, wilde Ehen und Seitensprünge

In seinen Geschichten, die Kamimura mehrheitlich selber schrieb und zeichnete, brach er immer wieder Tabus: Es ging um Scheidung («Le club des divorcés») oder um das Zusammenleben ohne Trauschein («Lorsque nous vivions ensemble»).

Seite aus dem «Le club des divorcés»

Bildlegende: In «Le club des divorcés» inszeniert Kamimura sich selbstironisch im Nachtleben: als Trinker und Frauenheld. Kana

Es ging um echte Liebe und Seitensprünge, um Sex aus Leidenschaft und nicht aus ehelicher Verpflichtung, um die Auflehnung gegen die patriarchalische Repression, um den Versuch einer jungen Generation, anders zu leben als ihre Eltern.

Damit schuf er eine Chronik der unterschwelligen und sichtbaren Verwerfungen in der japanischen Gesellschaft: das Festhalten an Traditionen und die Aufbruchsgelüste; die Schmach der amerikanischen Besatzung und die Verheissungen der amerikanischen Zivilisation; die Studentenunruhen, die Besinnung auf die eigene Kultur und weibliche Emanzipationsversuche.

Mit seinen im Alltag verankerten Geschichten gehörte Kamimura zu der Handvoll japanischer Zeichner, die den Manga ab 1960 dank gesellschaftlich relevanter Stoffe erwachsen machten.

Die betörende Eleganz des Strichs

Auch in seinen Zeichnungen war Kamimura ein Liebhaber der Frauen. Sein Strich ist von einer betörenden Eleganz. Die oft reduzierten, von starken Schwarz- und ebenso intensiven Leerflächen geprägten Zeichnungen sind von einer ungeheuren Tiefe und Leichtigkeit zugleich.

In seinem Stil paarte sich sein Interesse für französische Modezeichnungen mit seiner Faszination für die Ukiyo-e, die japanischen Holzschnitte des 19. Jahrhunderts.

Exzesse

Die Liebe zu den Frauen – und zum Alkohol – prägte auch Kamimuras Privatleben. Er war ein Nachtmensch, seine Inspiration fand er in Bars und in zwielichtigen Milieus.

Tagsüber aber war er ein frenetischer Arbeiter. In Spitzenzeiten lieferte er monatlich bis zu 450 Comicseiten ab. Er zeichnete zwar nur die Figuren und überliess die Hintergründe seinen Assistenten, aber diese künstlerischen wie privaten Exzesse forderten ihren Tribut: Kamimura starb 1986, erst 46-jährig, aber verbraucht.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 12:10 Uhr

Comic-Festival

  • In Angoulême fand das 44. Internationale Comic-Festival statt. Zum Ereignis wurde die Retrospektive Kazuo Kamimuras, die sein Werk erstmals in seiner ganzen Breite und Vielfalt sichtbar machte.
  • Ein Blick in die Zukunft des Comics fehlte am Festival, findet Christian Gasser in seinem Stimmungsbericht.