Die fatalen Spuren einer selbstsüchtigen Mutter

Die 53-jährige Irin Anne Enright gehört in ihrer Heimat zu den wichtigsten literarischen Stimmen. Im neuen Roman der Booker-Prize-Gewinnerin, «Rosaleens Fest», steht eine narzisstische Mutter im Mittelpunkt. Eine Mutter, die mit ihren Launen die längst erwachsenen Kinder manipuliert.

Anne Enright lehnt an einer wand. Sie hat kurzes Haar und trägt ein schwarzes Oberteil mit farbigen Kugeln.

Bildlegende: Eine ausgezeichnete Tabu-Brecherin: die irische Schriftstellerin Anne Enright. Rogers, Coleridge & White

Spätestens seit ihrem Roman «The Gathering» (zu deutsch: «Das Familientreffen»), für den Anne Enright 2007 den renommierten Booker-Prize gewonnen hat, gilt die Irin als Meisterin im Ausloten von psychischen Abgründen innerhalb von Familien. Wie eine Chirurgin gräbt sie sich ins Innere ihrer Charaktere vor, durchschaut gnadenlos deren Muster, Gedanken und Verhalten.

Trennungskrise der Mutter

Rosaleen, die Hauptfigur im neuen Roman, lädt ihre vier Söhne und Töchter an Weihnachten zu sich ein, nach Ardeveen – einem Dorf im Nordwesten von Irland. Sie plant das Haus, in dem die Kinder gross geworden sind, zu verkaufen und möchte sie mit dieser Tatsache konfrontieren.

Bei diesem Treffen kommt vieles aus der Familiengeschichte wieder hoch: die Rivalitäten unter den Geschwistern, die erlittenen Kränkungen, die verpassten Chancen. Gekrönt wird das Fest von emotionalen Ausbrüchen Rosaleens, die sich nie richtig von ihrem Nachwuchs abnabeln konnte.

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«Rosaleens Fest» von Anne Enright (DVA)

13 min, aus Literaturclub vom 26.1.2016

Eine Tabu-Brecherin

Anne Enright, bekannt auch als «Tabu-Brecherin», entlarvt hier den irischen Mythos der «heiligen Institution Familie». Sie zeigt auf, welche fatalen Spuren die dominante, selbstsüchtige Mutter in den Biografien ihrer Kinder zurückgelassen hat: Im Schatten dieser widersprüchlichen, unreifen Frau konnten sie selber nie richtig erwachsen werden. Auch versäumten sie, die ihnen zugewiesenen Rollen innerhalb der Familie zu durchbrechen.

Damit sieht sich Anne Enright in der grossen Tradition der irischen Literatur: Schon immer sei es die Aufgabe der Schriftstellerinnen und Schriftsteller gewesen, ihren Landsleuten einen Spiegel vorzuhalten und den Finger auf wunde Punkte in der Gesellschaft zu legen.

Raffiniert gebaut

Auch formal geht Anne Enright hier neue Wege: In der ersten Hälfte des Romans lernen wir nacheinander die vier Kinder kennen, bevor sie später Mutters Einladung zum gemeinsamen Weihnachtsfest folgen.

Dan, der älteste Sohn und Mutters Liebling, ist nach New York entflohen und findet in der Schwulenszene eine neue Identität. Constance, die Zweitgeborene, wird ein Leben lang die sich kümmernde Tochter bleiben. Emet, der Dritte, will als Entwicklungshelfer in Afrika die Welt retten, und Hanna, die Jüngste, scheitert als Schauspielerin und sucht Trost im Alkohol.

Die vier langen Kapitel kommen wie vier eigenständige Bücher daher, denn die Autorin wählte jedes Mal eine eigene Erzählhaltung und eine spezielle Sprache – abgestimmt auf die jeweilige Hauptfigur.

Zu Recht hat Anne Enright für diesen Roman den «Irish Book Award» gewonnen. Und beinahe hätte sie sogar den Coup geschafft, ein zweites Mal den «Booker-Prize» in Empfang zu nehmen: «Rosaleens Fest» stand nämlich 2015 für diese wichtigste literarische Auszeichnung im englischsprachigen Raum wieder auf der Shortlist.

Buchhinweis

Anne Enright: «Rosaleens Fest», DVA Verlag, 2015.

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