Zum Inhalt springen

«Die Gabe» von Naomi Alderman Dystopie der Stunde: Wenn Frauen die Macht ergreifen

Der düstere Roman «Die Gabe» von Naomi Alderman, der kürzlich auf Deutsch erschienen ist, erinnert stark an «The Handmaid's Tale». Nur: Im Buch haben Frauen das Sagen.

Zwei Finger, die sich berühren.
Legende: Mit ihren Händen können Frauen in «Die Gabe» Stromschläge austeilen. Getty Images

Was wäre, wenn Frauen das starke Geschlecht wären? Diese Frage stellt sich die britische Science-Fiction-Autorin Naomi Alderman in «The Power». Der Roman ist im Februar als «Die Gabe» auf Deutsch erschienen.

Buchhinweis

Naomi Alderman: «Die Gabe», Heyne 2018.

«Die Gabe» ist Naomi Aldermans Mentorin gewidmet: Margaret Atwood, die 1985 «The Handmaid's Tale» schrieb. Beide Erzählungen entwerfen eine dystopische Zukunft, in der junge Frauen eine komplett neue Rolle einnehmen – einmal erhalten sie plötzlich sehr viel Macht, einmal wird sie ihnen komplett genommen. Und beide Romane haben im letzten Jahr ziemlich hohe Wellen geschlagen.

Unheimlich: Szene aus der zweiten Staffel von «Handmaids Tale».
Legende: Unheimlich – und unheimlich aktuell: Szene aus der zweiten Staffel von «Handmaids Tale». Hulu

«The Handmaid’s Tale» wurde 2017 als Serie verfilmt – diese Woche startete die zweite Staffel. Fruchtbare Frauen werden darin in einem verseuchten Staat versklavt, um reiche Familien mit Nachwuchs zu versorgen.

Die erste Staffel versetzte den USA nach Trumps Wahlsieg einen Schlag in die Magengrube. Die roten Umhänge und weissen Hauben aus der Serie wurden bei Protesten getragen. Atwoods Buch wurde wieder zum Bestseller.

The Handmaid's Tale

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Die erste Staffel von «The Handmaid's Tale» gewann fünf Emmys, unter anderem als beste Serie. Die zweite Staffel wird heute Abend auf dem US-amerikanischen Bezahl-TV-Sender Hulu, Link öffnet in einem neuen Fenster ausgestrahlt, bei uns um 4 Uhr morgens.

Die Dystopie der Stunde?

«Die Gabe» lag in den USA im Herbst auf den Büchertischen, gerade zu dem Zeitpunkt, als die halbe Welt über #metoo sprach. Es wurde, ähnlich wie «The Handmaid's Tale» zuvor, als die Dystopie der Stunde aufgenommen.

Es gehöre zu den zehn besten Büchern des letzten Jahres, urteilte sowohl die New York Times, Link öffnet in einem neuen Fenster als auch Barack Obama, Link öffnet in einem neuen Fenster. Alderman erhielt dafür den Women’s Prize for Fiction,, Link öffnet in einem neuen Fenster einen der wichtigsten Literaturpreise Grossbritanniens.

Naomi Alderman

Naomi Alderman

Schriftstellerin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Naomi Alderman ist eine britische Journalistin, Buchautorin und Entwicklerin von Alternativwelt-Games. Sie wuchs in der orthodoxen jüdischen Gemeinde Londons auf – diese war auch Thema in ihrem Debütroman «Disobedience» (2006). Für «The Power» (2017) erhielt sie den Women's Prize for Fiction, Link öffnet in einem neuen Fenster – einer der wichtigsten Literaturpreise Grossbritanniens.

Webseite der Autorin, Link öffnet in einem neuen Fenster

Wie ein Gewitter

Tatsächlich ist es fast unmöglich, den Roman nicht im Kontext von #metoo zu lesen. Denn der starke Mann – er liegt am Anfang von Naomi Aldermans neu übersetzem Roman zuckend am Boden.

Die Tochter einer Londoner Verbrecherfamilie hat den Kleinkriminellen in Blitzeseile schachmatt gesetzt – mithilfe einer rätselhaften neuen Kraft.

Sie trug das Gewitter in ihren Händen. Sie befahl ihm, zuzuschlagen.

Im Netz häufen sich Videos über solche Vorfälle und bald ist klar: Über Nacht haben Mädchen und junge Frauen eine Gabe erhalten. Mit ihren Händen können sie Stromschläge austeilen: zärtlich, schmerzhaft oder tödlich für ihr Gegenüber.

Gott ist nun eine Frau

Die Kraft entlädt sich und überrollt die Welt. Frauen sind plötzlich in der Machtposition: Nach und nach passt sich die Gesellschaft rund um den Globus an diesen neuen Umstand an.

Das Buch erzählt aus verschiedenen Perspektiven davon: Eine ehrgeizige Politikerin wird von wütenden Frauen ins Amt gehievt, die Gangster-Tochter zum gefürchteten Drogenboss, ein Waisenmädchen wird via Youtube zur Prophetin einer neuen Religion: Gott ist nun eine Sie.

Und ein Junge aus der nigerianischen Oberschicht wird zum «Chronisten einer Revolution», die weltweit alles auf den Kopf stellt: Religion, Politik, selbst organisiertes Verbrechen. Patriarchale Regime werden von Aufständen heimgesucht, die Frau eines Diktators gründet ein Matriarchat.

Naomi Alderman und Margaret Atwood.
Legende: Naomi Alderman (l.) und Margaret Atwood trafen sich im Rahmen eines Stipendiats in Toronto. Imago/Zuma Press

Keine schöne neue Welt

Was beginnt wie ein Empowerment-Märchen, kippt bald ins Düstere. Denn nicht alle Frauen nutzen ihre neue Macht zum Guten. Wo sie unterdrückt wurden, rächen sie sich gnadenlos, quälen und randalieren, vergewaltigen und verstümmeln.

Je weiter die Geschichte vorangeht, desto mehr wünscht man sich, aus dieser verschrobenen Welt auszusteigen. Immer im Wissen, dass das Buch über den erzählerischen Trick der Umkehrung bloss spiegelt, was heute irgendwo tatsächlich stattfindet – nur unter verkehrten Vorzeichen.

Zum Glück gibt's Zwischentöne

Die Leserin ist mal fasziniert, mal abgeschreckt, dann wieder: amüsiert. Alderman erzählt nüchtern und lässt viel Raum für Zwischentöne. Mit feinem Humor und beiläufigen Details schmückt sie die Geschichte aus, wenn etwa Nachrichtensprecher für das weibliche Publikum immer jünger und schöner werden.

Dass die Geschichte sich bei allen Schockeffekten nicht zu Ernst nimmt, macht ihren Sog aus. An mancher Stellen mag der Plot etwas weit abdriften. Trotzdem bleibt es eine radikale und eindringliche Vision, fast unheimlich lebendig.

Kein Wunder, sind auch die Serienrechte für «Die Gabe» bereits verkauft. Naomi Alderman schreibt gerade an der ersten Folge.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 2.5.2018, 6.50 Uhr

2 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.