Die geheimnisvolle Frau von der Bushaltestelle

Eine rätselhafte Fremde zieht zu einem jungen Paar. Aber nicht nur die namenlose Fremde ist mysteriös – auch ihre zwei Mitbewohner sind voller Geheimnisse. Minimalistisch und voller Atmosphäre erzählt die dänische Schriftstellerin Helle Helle in «Färseninsel» die Geschichte eines seltsamen Alltags.

Einsame Bushaltestelle am Meeresufer. Zwei Personen sitzen auf einer Bank, ein Mann geht allein der leeren Strasse entlang,

Bildlegende: Alles beginnt an einer Bushaltestelle am Meer: Eine mysteriöse Frau mit Koffer wartet, obwohl kein Bus mehr fährt. Flickr/Arileu

Sie sitzt mit ihrem Rollkoffer an einer Bushaltestelle am Meer. Worauf die Frau wartet, weiss niemand – ein Bus fährt an diesem Tag nicht mehr. Zwei junge Leute namens John und Putte entdecken die Fremde zufällig und nehmen sie bei sich zuhause auf.

Der Alltag der drei ist von merkwürdiger Selbstverständlichkeit. Die Fremde, zugleich die Ich-Erzählerin des Romans, berichtet von nächtlichen Kartenspielen, geruhsamen Frühstücken und John und Puttes wenigen Pflichten: die Hunde eines kranken Onkels versorgen. In einem Laden aushelfen. Dinge reparieren.

Menschen voller Geheimnisse

Aber wer ist die fremde Frau, die nicht einmal ihren Namen preisgibt und von Putte irgendwann «Bente» genannt wird? Wovor ist sie geflohen? Ab und zu erfährt man Bruchstücke aus Bentes Vergangenheit: von ihrem Partner Björnvig, einem Arzt – und von Bente selbst. Sie ist Schriftstellerin, verbrachte lange Tage, ja Monate, auf dem Sofa und sperrte mit einer Decke das Licht aus.

Als ein Unfall passiert, wirkt dies zunächst wie eine Katastrophe – tatsächlich ist aber nichts Schlimmes passiert. Doch in diesem Unfall hallt etwas anderes nach. Vage erinnert man sich an einen Satz von Putte am Anfang des Roman: «Ach, wir haben sowieso nichts zu tun. Wir pflegen nur unsere Schleudertraumen.» Aber Bente hatte nicht nachgefragt, und überhaupt lassen die Menschen in diesem Buch einander mit Fragen in Ruhe.

Porträt

Bildlegende: Grosser Erfolg mit knapper Sprache: Die Schriftstellerin Helle Helle. Robin Skjoldborg

Der kleine Unfall wirft den Alltag durcheinander. Bente wird plötzlich gebraucht. Von einer, die «einen Platz zum Weinen suchte», ist sie zu einer geworden, die die Stellung hält. Als der Onkel aus dem Krankenhaus kommt und sie kennenlernt, sagt er zu ihr: «Du hast dich bei zwei verletzlichen Menschen einquartiert. Wenn du jetzt meinst, du steigst in ein paar Tagen einfach wieder in den Bus und verschwindest, wirst du womöglich einigen Schaden anrichten.»

Cool und knapp

Wenn man in Helles Roman so viel mehr spürt als man tatsächlich erfährt, ist dies dem minimalistisch verknappten Stil zu verdanken, wegen dessen Helle in Dänemark Kult ist: In ihrer Heimat ist die Autorin berühmt, ihre Bücher verkaufen sich erstklassig. Die deutsche Verlegerin Sabine Dörlemann hat sich nun schon zum dritten mal einem Buch von Helle angenommen. Dank der Verlegerin erschienen Helles Bücher auf Deutsch, lange bevor sie auf Englisch übersetzt wurden.

Eine Meisterin der Andeutung

«Irgendeine Krise schwelt in jedem ihrer Bücher», sagt Sabine Dörlemann. Das latente, atmosphärisch sehr spannende Erzählen der 50-jährigen Helle zieht den Leser unwiderstehlich in die Geschichten hinein. «Färseninsel» ist nicht nur ein für sich stehender Roman: Er ist der mittlere Band einer Trilogie, deren erster Band «Rodby Puttgarden» 2010 auf Deutsch erschien.

Helle Helle – souverän übersetzt von Flora Fink – ist eine Meisterin der klaren, geradezu glänzend polierten Erzähloberfläche, und einer darunter tobenden Wahrheit der Gefühle. Ist nicht genau so das Leben? Menschen sind Geheimnisse – ihre innerste Wahrheit blitzt nur in wenigen Momenten auf.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 29.5.2015, 17:40 Uhr

Buchhinweis:

Helle Helle: «Färseninsel». Dörlemann, 2015.