Die Kindsmörderin: ein düsteres Kapitel Schweizer Geschichte

1904 wurde sie in St. Gallen zum Tode verurteilt – und begnadigt. Trotzdem: Frieda Keller, die aus Verzweiflung ihren Sohn getötet hatte, kam nach jahrelanger Einzelhaft nicht mehr zurecht im Leben. Autorin Michèle Minelli hat ihre Geschichte aufgeschrieben. «Die Verlorene» packt und erschreckt.

Wald mit grünbedecktem Boden.

Bildlegende: Einsame Verzweiflungstat: Mit dem Kindsmord wollte sich Frieda Keller aus den demütigenden Zwängen ihrer Zeit befreien. Flickr/copyriot

«Ich musste in den Keller, dann kam er mir nach, und ich war verloren». Mit diesem knappen Satz wird Frieda Keller später, in Untersuchungshaft, den Wendepunkt in ihrem Leben zu Papier bringen. Die Schneider-Lehrtochter musste an ihren freien Tagen im Restaurant «Post» als Kellnerin aushelfen, um das Familienbudget aufzubessern. Dabei wurde sie von ihrem Chef mehrmals vergewaltigt.

Anzeige wegen Unzucht

Frieda Keller gebar in aller Heimlichkeit einen Sohn, den Ernstli, und brachte ihn – auf Anraten ihrer Mutter – in die Kinderbewahranstalt Tempelhof in St. Gallen. Als ledige Schwangere hatte sie eine Anzeige wegen Unzucht am Hals und wurde auf den Polizeiposten zitiert.

Für Frieda Keller begann ein ständiger Kampf um das Geld, das sie regelmässig für Ernstlis Kost und Logis abliefern musste. Immer wieder mahnte sie der Tempelhof, sie sei mit den Zahlungen in Verzug. Gleichzeitig brauchte sie enorm viel Energie, die Existenz dieses Kindes zu verbergen – ein Dilemma, das ihr arg zusetzte. Sie versagte sich sogar, den Buben bei Besuchen in die Arme zu nehmen, um ihn vor Anhänglichkeit zu schützen. Das brach ihr fast das Herz.

Verzweiflungstat im Wald

«Kurz nach Ostern fiel mir der grässliche Gedanke, ich wolle Ernstli ab der Welt bringen, ein. Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen», notierte sie in ihrem Lebensbericht, den sie auf Anraten ihres Anwalts geschrieben hatte.

Am 2. Mai 1904 holte Frieda das fünfjährige Kind im «Tempelhof» ab, führte es in den Wald ausserhalb von St. Gallen und erdrosselte es mit einer Schnur. Als die Polizei sie später festnahm, gestand sie sofort alles: «Es war wegen des Geldes. Allein wegen des Geldes.»

Der Romanstoff lag in einer Schachtel verborgen

Porträt Minelli

Bildlegende: Schriftstellerin Michèle Minelli. Anne Bürgisser

Michèle Minelli stiess durch einen befreundeten Journalist auf diesen Stoff. Er drückte ihr eines Tages eine Schachtel mit Dokumenten in die Hände: «Ich habe da etwas für Dich. Mach etwas draus.»

Der Fall Frieda Keller ist umfangreich dokumentiert; er füllt etliche Bundesordner. Besonders berührend sind die persönlichen Aufzeichnungen der jungen Frau.

Michèle Minelli baut ihre Geschichte geschickt, zitiert immer wieder aus Akten, Zeitungsnotizen und Lebensbericht, und findet die richtige Sprache, um die unterschiedlichen Stimmen zu einem Roman zu verdichten. Gleichzeitig gelingt es ihr, ein unbekanntes Kapitel Schweizer Geschichte nachzuzeichnen. Die Art und Weise etwa, wie der Gefängnisdirektor mit Friede Keller umspringt, geht unter die Haut: «Herumhuren und Kindermachen. Und dann meinen, man könne sich der Brut einfach so erledigen? Was ist nur mit Euch Weibern los?»

Vergewaltiger mit Freipass

Rund hundert Jahre sind seither erst vergangen, und es fällt schwer zu glauben, dass dieses Gedankengut mittlerweile völlig aus den Köpfen unserer Gesellschaft verschwunden ist. Genau dies macht den Reiz dieses Buches aus: dass es undogmatisch, aber deshalb nicht weniger eindringlich dokumentiert, wie skandalös Behörden und Richter in unserem Land Vergewaltigungsopfer als Täterinnen abstempelten.

Der Kindsvater, der Wirt Carl Zimmerli, wurde übrigens nie belangt. Ein Gesetz im Kanton Thurgau schützte damals verheiratete Männer, die sich an Frauen vergriffen. Sie mussten nicht einmal finanziell für ihre Kinder sorgen.

Auch wenn Frieda Keller schlussendlich – nach 15 Jahren Einzelhaft – 1919 vorzeitig entlassen wurde, hat die Zeit hinter Gittern ihren Willen gebrochen. Sie kam kaum noch zurecht in ihrer wieder erlangten Freiheit und starb später in einer Irrenanstalt. Ihre Schwestern wählten für die Todesanzeige den passenden Spruch: «Weinet nicht an meinem Grabe, sondern tretet still hinzu, bedenkt, was ich gelitten habe und gönnet mir die ewige Ruh.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 7.7.2015, 17:15 Uhr

Buchinweis

Michèle Minelli: «Die Verlorene», Aufbau Verlag, 2015.