Haariges Fantasy-Märchen Die mit den Haaren kämpft

Sie ist exzentrisch und kann schreiben: Sofi Oksanen setzt sich mit «Die Sache mit Norma» mit Haut und Haar für Frauenrechte ein.

Frau mit schwarz-violetten Haaren, violettem Lippenstift und Lidschatten.

Bildlegende: Sofi Oksanen hat nicht nur selbst auffällige Haare: Ihre Hauptfigur Norma kämpft mit magischem Haar. Keystone

«Die Sache mit Norma» ist ein Milieu-Thriller mit magisch-surrealen Momenten. Sofi Oksanen thematisiert darin die Ausbeutung von Frauen in der Haar- und Fortpflanzungsindustrie. Aber gerade weil sie sich dabei Fantasy-Elementen bedient, verleiht sie der ernsten Thematik eine Leichtigkeit, die beim Lesen mitreisst.

Haare wie Fangarme

Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau mit magischem Rapunzelhaar. Norma heisst sie. Sie ist dreissig Jahre alt und lebt in Helsinki. Das Besondere: Ihre langen schwarzen Haare haben ein Eigenleben.

Sie wachsen mehr als einen Meter pro Tag. Es sind dünne lange Fangarme, die auf Normas Gemütszustand und auf ihre Umwelt reagieren, sich ausbreiten, nach etwas greifen, jemanden umschlingen. Was durchaus gefährlich werden kann:

«Die Haare hatten schon im Lift angefangen zu bitzeln, und als sich Norma den Turban vom Kopf riss, sah sie, dass sie sich in schlängelnde Tentakel verwandelt hatten. Sie warf das Tuch mit solcher Kraft in den Wäschekorb, dass dieser umfiel.»

Dubiose Geschäft mit Haaren

Aber weit gefährlicher als das Eigenleben ihrer Haare sind die Verstrickungen in die sie gerät. Und diese haben mit ihren Haaren, aber auch mit dem Tod ihrer Mutter zu tun. Die Mutter hat – so scheint es jedenfalls – mit Normas abgeschnittenen Haaren ein lukratives Geschäft betrieben.

Sie hat sie einem kriminellen Clan verkauft, der nun gerne die Kontaktdaten ihrer Haarquelle hätte. Ob der Clan die Mutter in den Tod getrieben hat? Norma setzt alles daran das aufzuklären.

Oksanen beleuchtet Facetten den Frauseins

Es ist beeindruckend, wie Sofi Oksanen uns mit ihrer kraftvollen, rockig-rauen Sprache an dieser Detektivarbeit teilhaben lässt, wie sie dabei alle Facetten des Frauseins vor Augen führt und scharf beleuchtet. Originell ist auch die Idee mit dem magischen Rapunzelhaar.

Normas Detektivarbeit deckt nicht nur den Tod ihrer Mutter und die Machenschaften des Clans auf, sondern auch ein lang gehütetes Familiengeheimnis. Dieser Mix aus Milieu-Thriller und magisch-surrealer Familiengeschichte, macht Sofi Oksanens Roman «Die Sache mit Norma» zu einem unvergesslichen Leseerlebnis.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 10.3.2017, 7:20 Uhr.

Finnland lesen

Auf einem Spaziergang durch die Hauptstadt Talinn erzählt Sofi Oksanen, warum Estland für sie eine Inspirationsquelle ist – auch für düstere Kapitel.

Bisher sind nur wenige Autoren aus Finnland im Ausland bekannt. Dabei bietet das Land viel mehr. Eine finnische Leseliste.

Buchhinweis

Sofi Oksanen: «Die Sache mit Norma», Kiepenheuer & Witsch 2017.