Die Schweiz als verstrahlte Landschaft hören und denken

Im Oktober 2010 lief das Hörspiel «Die leuchten in der Nacht» von Gerhard Meister. Das Stück über die Folgen einer atomaren Katastrophe in der Schweiz blieb damals ohne grosse Resonanz. In Fukushima wurde wenige Monate später die Fiktion zur Realität. Hörspiel-Regisseur Reto Ott erinnert sich.

Muss das sein, dachte ich im April 2010, als ich mich auf den Weg ins Zürcher Theater Winkelwiese machte. Auf dem Zettel stand ein Stück über eine atomare Katastrophe, nichts das mich grossartig interessierte. Im Gegenteil, AKWs und der Protest dagegen, das war für mich höchstens wie ein Echo aus einem früheren Leben. Ich war mit dem Autor Gerhard Meister wegen eines anderen Projektes im Gespräch und hoffte, durch den Besuch seiner neuesten Theaterarbeit herauszufinden, warum wir da nicht vorankamen.

Begegnung mit Kindheitsängsten

«Atomkraftwerke, das sind die 80er- und 70er-Jahre, das ist tiefstes letztes Jahrtausend mit diesen Nein-Danke-Klebern von besseren Menschen. Das hat doch mit heute nichts zu tun». Mit diesen Sätzen begann das Stück. Und holte mich direkt in meiner gelangweilten Gegenwartsbefindlichkeit ab, um an Erinnerungen aus frühester Kindheit und Jugend anzudocken. Erinnerungen an die Zeit des Kalten Krieges, als die Angst vor einem nuklearen Erstschlag ganz real war. Eine nackte Angst, die im Alltag präsent war, in Form von Sirenen und Notfall-Übungen. Jeder Gang in den Luftschutzkeller zum Mostholen war eine Begegnung mit dieser Angst.

Nahaufnahme von Gerhard Meister.

Bildlegende: Der Zürcher Regisseur und Autor des Stücks «Die leuchten in der Nacht» Gerhard Meister. ZVG, Gerhard Meister

Zur selben Zeit wurden die Schweizer Atomkraftwerke gebaut. Die meisten davon im Nachbarkanton, im Aargau. Mein Götti baute mit, als Ingenieur. Wir besuchten Gösgen, sahen, wie sicher alles war. Der Kontrollraum im Bauch des Monsters, Schweizer Technologie, alles sauber, modern, griffig. Damals glaubte ich das noch: dass Fachleute alles im Griff haben. Vor allem Schweizer Fachleute.

Trotzdem blieb das mulmige Gefühl. Und es wurde während der Gymi-Zeit nicht weniger. Auch, weil die Proteste immer lauter und präsenter wurden. Bis ich schliesslich sogar selber einmal mitmarschierte, an einem Oster-Protestzug im Basler Umland. Eine eher befremdliche Erfahrung übrigens, wie jede Demo, an der ich in den 80ern teilnahm.

Atomkraft weiterdenken

Aber die Fakten waren für mein kritisches, junges Bewusstsein klar: Atomkraftwerke sind ein Risiko. Mit ihnen schafft man nicht, wie damals von Wirtschaft und Politik beschworen, die Zukunft des Landes. Mit ihnen wird die Zukunft aufgebraucht. Ihre Nutzung passiert auf Kosten künftiger Generationen. Sie basiert, analog zum zentralen Dogma des Kapitalismus, dem unbegrenzten Wachstum, auf einem irrationalen Prinzip.

So what? Ich lernte bald, damit zu leben. Hatte genug damit zu tun, mit dem Irrationalen und unpassenden Prinzipien in meinem eigenen Leben klar zu kommen. Hatte Spass damit und machte ein Business daraus: Drama-Produktion.

Drama über die Schweiz als Sperrgebiet

An jenem Theaterabend vor drei Jahren holte sie mich schliesslich wieder ein, die eigene Vergangenheit. Meine gesamte Biografie, das wurde mir da endgültig bewusst, ist nuklear grundiert. Es ist ein Thema, das nicht aus der Welt zu schaffen ist, genauso wenig wie der atomare Müll. Das zeigt Gerhard Meister in seinem Stück eindrücklich. Er imaginiert nämlich die Zukunft des Landes, nachdem ein Reaktor geplatzt ist.

Die Deutschschweiz ist ein verstrahltes Sperrgebiet, das von einer Schutzmauer umgeben ist und von der EU als Endlager genutzt wird. Die Wirtschaftselite hat sich abgesetzt und von der einstmals blühenden Zivilisation sind nur noch Reste vorhanden. Warlords bekriegen sich und verrohte Menschen hausen in Ruinen wie in Höhlen. In vier ineinander verzahnten Monologen beschreibt der Autor die Apokalypse als Normalfall. Das ist beklemmend, aber auch grotesk. Und manchmal sogar ein klein wenig magisch.

Wie klingt eine verseuchte Landschaft?

Reto Ott hinter der Glasscheibe des SRF-Hörspielstudios.

Bildlegende: Reto Ott bei der Arbeit im SRF-Hörspielstudio. SRF

Vielleicht war es diese Magie, die mich nicht mehr losgelassen hat, und mich ganz abgesehen vom Thema bewogen hat, aus der Inszenierung des «Theater Marie» eine Hörspiel-Version zu entwickeln. Wobei sich wie bei jeder Radioarbeit die Grundfrage stellt: Wie erzählt man das akustisch? Wie klingt eine verseuchte Landschaft? Die Schweizer Alpenidylle als giftiges Strahlenmeer?

Der Komponist Martin Bezzola hat es herausgefunden. Er schenkte mir sogar ein kontaminiertes Alphorn, das sich musikalisch quasi selbst zersetzt. Und wie der rettungslos in eine alpine Steinzeit zurückgeworfene Hirt vor sich hinstammelnd wegstirbt, das ist für mich von höchster Poesie. Vielleicht pervers, aber auch so kann man einem Lebensthema wiederbegegnen.

Aha-Erlebnis durch Fukushima

Anfang Oktober 2010 wurde das Hörspiel im damaligen DRS 1 zum ersten Mal gesendet, ziemlich überflüssigerweise, wie intern die meisten fanden. Was da verhandelt würde und vor allem wie es verhandelt würde, das sei bestenfalls ein unzeitgemässes Menetekel, eigentlich aber eine Zumutung. Ziemlich genau ein halbes Jahr später barsten die Reaktoren in Fukushima. Und die Welt hatte, wie ich zuvor im Theater, ihr Aha-Erlebnis.

Seitdem wird von der Energie-Wende geredet, und gleichzeitig werden die Angst-Szenarien von damals wieder ausgepackt. Aber da die Schweiz angeblich sowieso an allen Ecken und Enden bedroht ist, spielt das auch nicht wirklich eine Rolle. Ausser dass die Hüter des irrationalen Prinzips heute professioneller vorgehen. Mir machen sie keine Angst mehr. Aber ich frage mich als Drama-Produzent: Ist es richtig, sich mit ästhetisch perfekt ausgearbeiteten Angst-Szenarien gegen die Angst-Propaganda zu behaupten? Muss das sein?

Mitwirkende des Hörspiels

  • Mirjam Japp, Journalistin
  • Philippe Graber, Mann in Wohnung
  • Francesca Tappa, Frau aus dem Hubschrauber
  • Herwig Ursin, Sascha
  • Regie: Reto Ott
  • Musik: Martin Bezzola
  • Technik: Mirjam Emmenegger