Dinaw Mengestu beschreibt die Liebe in Zeiten der Migration

Helen und Isaac sind ein Paar. Ein Ungleiches. Sie ist eingefleischte Amerikanerin, er afrikanischer Flüchtling. Dinaw Mengestu erzählt durch die Liebesgeschichte, wie schwer die Suche nach Identität in einer globalisierten Welt sein kann. Es sind einfache Bilder für komplexe Zusammenhänge.

Mann mit schwarzen Locken vor einer Bücherwand.

Bildlegende: Der äthiopischstämmige US-Autor Dinaw Mengestu erzählt von der Herausforderung, sich selbst zu erfinden. Wikimedia/John D. and Catherine T. MacArthur Foundation

Dinaw Mengestu gilt als einer der vielversprechendsten jüngeren Autoren der so genannten neuen Weltliteratur. Er kennt die Existenz zwischen den Kulturen aus eigener Erfahrung: Geboren 1978 in Addis Abeba emigrierte er im Alter von zwei Jahren mit seiner Familie in die USA. Bisher hat er drei Romane geschrieben, in denen er vom Leben der Heimat- und Namenlosen erzählt, von Menschen, die alles verloren haben und neu anfangen müssen – an einem fremden Ort am anderen Ende der Welt.

Hartes Schlaglicht auf den Rassismus in den USA

Dinaw Mengestu berührt weit über die Migrationserfahrung hinaus universelle Fragen nach Herkunft, Zugehörigkeit und Identität. Seine Geschichten lassen uns die westliche Welt durch die Augen der afrikanischen Flüchtlinge in einem neuen – und nicht unbedingt schmeichelhaften – Licht sehen. Sein neuer Roman «Unsere Namen» wirft ein hartes Schlaglicht auf den Rassismus in den USA und thematisiert den Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Gewalt in afrikanischen Ländern.

Im Zentrum steht die Liebesgeschichte zwischen Isaac, einem jungen Äthiopier im amerikanischen Exil, und der Sozialarbeiterin Helen, die noch nie aus ihrer Heimatstadt im Mittleren Westen hinausgekommen ist. Sie verspürt jedoch eine Sehnsucht nach der grossen, weiten Welt und nach Selbstverwirklichung.

Identität in einer globalisierten Welt

Mengestu erzählt abwechselnd aus Isaacs und aus Helens Perspektive, und so erfahren die Leser den Teil von Isaacs Vergangenheit, den er hinter sich lassen möchte und den er Helen verschweigt: Wie er als äthiopischer Flüchtling in Uganda von einem Leben als Schriftsteller träumte und sich unter die Studenten mischte, wie er in die blutigen Kriegswirren verwickelt wurde und sich mit viel Glück in die USA absetzen konnte.

In Helens Kapiteln erfahren wir von den Widerständen, mit denen Helen und Isaac als so genannt gemischtes Paar in der amerikanischen Provinz zu kämpfen haben.

Dinaw Mengestu ist ein hellwacher Intellektueller, der überzeugende Geschichten und Bilder für komplexe Zusammenhänge findet. Das schlägt sich in der Konstruktion seines Romans nieder. Im Kern von Isaacs und Helens Geschichte steckt die Frage, was Identität in der heutigen globalisierten Welt sein kann.

Vorurteile verstellen den Blick

Nationalität, Ethnizität, soziale Zugehörigkeit und Geschlecht – die Kategorien, an denen wir Identität festmachen – erscheinen in Mengestus Roman auch als Gefängnis. Denn wenn Isaac nach den traumatischen Erfahrungen in Uganda weiterleben will, braucht er eine offene und abenteuerlustige Helen, die ihm dabei hilft, sich neu zu entdecken.

Durch seine subtile Art Geschichten zu erzählen – und weil er seinen Figuren viel Raum lässt –, inszeniert Mengestu die Begegnung zwischen zwei einander fremden Kulturen als eine doppelte Erfahrung: Da sind einmal die Vorurteile, die den Blick auf den anderen verstellen. Und zum anderen eröffnet sich ein neuer Blick auf die Welt, wenn es Isaac und Helen immer wieder gelingt, zusammen zu sein, ohne einander ganz verstehen zu wollen.

Kein Weg, das lernen wir in diesem Roman, führt an der schwierigen und grossartigen Aufgabe vorbei, sich selbst zu erfinden. Oder es zumindest zu versuchen.

Buchhinweis

Dinaw Mengestu: «Unsere Namen», Kein&Aber, Zürich 2014.

Sendung zu diesem Artikel