Droht der «Suhrkamp-Kultur» das Ende? – Die Suhrkamp Story

Er hat die deutsche Kultur geprägt wie kaum ein zweiter, das Schlagwort der «Suhrkamp-Kultur» ging in den Sprachgebrauch ein. Am Mittwoch könnte seine Ära jedoch zu Ende gehen: Dann entscheidet ein Gericht in Frankfurt über die weitere Zukunft des Suhrkamp Verlags.

Frau mit Büchern

Bildlegende: Verlegerisches Geschick wird ihr abgesprochen, dafür Machtgier und das Geschick für Intrigen unterstellt: Ulla Unseld. Keystone

Es ist wieder soweit und das nicht zum ersten Mal: Es tobt ein erbitterter Streit im Hause Suhrkamp. Die Protagonisten: Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach. Sie ist die Witwe des Verlegers Siegfried Unseld und die aktuelle Verlegerin. Er ist der Minderheitsgesellschafter des Verlags und Enkel des bedeutenden deutschen Bildhauers Ernst Barlach.

Portrait Mann

Bildlegende: Die Autoren des Verlags, darunter Peter Handke, sind in grösster Unruhe. Die Existenz ihres Verlags steht auf dem Spiel. Keystone

Die renommierten Autoren des Verlags sind in grösster Unruhe, denn die Existenz ihres Verlages steht auf dem Spiel. Seit Dezember letzten Jahres vergeht kein Tag ohne die Stimme eines Suhrkamp-Verbündeten im deutschen Feuilleton, unter ihnen Hans Magnus Enzensberger, Sibylle Lewitscharoff, Durs Grünbein, Peter Handke oder Alexander Kluge.

Gründung startet mit Streit

Die Geschichte beginnt 1950 – mit einem Streit. Der Verleger Gottfried Bermann-Fischer ist aus dem Exil zurückgekehrt und übernimmt wieder die Leitung des S. Fischer Verlags, den in seiner Abwesenheit sein Lektor Peter Suhrkamp geführt hat – und das sehr erfolgreich.

Peter Suhrkamp überwirft sich mit Bermann-Fischer und gründet kurzerhand seinen eigenen Verlag. Er nimmt 33 der 48 Autoren des S. Fischer Verlags mit, unter ihnen Hermann Hesse, der vier Jahre zuvor den Nobelpreis erhalten hat. Unter den ersten Büchern des Suhrkamp Verlags sind Max Frischs «Tagebuch 1946-1949» und Hermann Hesses «Das Glasperlenspiel».

Hermann Hesse bringt Siegfried Unseld ins Spiel

Portrait

Bildlegende: 1952 öffnet Hermann Hesse Siegfried Unseld die Türen in den Suhrkamp Verlag. Keystone

1952 öffnet Hesse Siegfried Unseld die Türen in den Verlag. Unseld prägt von Anfang an das Programm mit. Als Peter Suhrkamp 1959 stirbt, wird Siegfried Unseld Verleger. Er sorgt in den sechziger Jahren immer mehr dafür, dass der Suhrkamp Verlag ein wesentliches intellektuelles Moment der deutschen Nachkriegsgeschichte wird. Unseld verlegt neben literarischen Autoren auch wissenschaftliche Titel, darunter die heimgekehrten jüdischen Exilanten Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Und erlangt damit die Hoheit im intellektuellen Diskurs.

Unselds Motto: Geist und Geld

Unselds Geheimrezept: Er überwindet die scharfen Grenzen zwischen Literatur und wissenschaftlicher Theorie und bringt beide Seiten in den Dialog. Eine für damalige Verhältnisse neue Methode. Und so bilden die 60er und 70er Jahre das Fundament der sogenannten «Suhrkamp-Kultur».

Unseld prägt mit seinem Programm das Gesicht einer Epoche und die deutsche Kultur wie kein zweiter. Aber es sind nicht nur Literatur und Wissenschaft, denen sich Siegfried Unseld verpflichtet fühlt. Der einstige Buchhändler ist auch Geschäftsmann, zeigt ausgeprägten Sinn für Geld und Macht. Unselds Motto: Geist und Geld.

Die Geliebte verstösst den Sohn vom Thron

Es kommen die 80er Jahre. 1979 steigt Siegfried Unselds Sohn Joachim in den Verlag ein. Er soll zum Nachfolger seines Vaters ausgebildet werden, doch so wird es nicht kommen. 1982 veröffentlicht die ehemalige Schauspielerin Ulla Berkéwicz bei Suhrkamp ihr Erzähldebut «Joseph stirbt». Und lernt den 25 Jahre älteren Siegfried Unseld kennen. Ihretwegen verlässt Unseld drei Jahre später seine Ehefrau Hilde, der Skandal ist absehbar. Immer mehr sprechen die Medien lieber über den Verleger und seine Geliebte, was auch daran liegen mag, dass seit der Wiedervereinigung das Programm als eher schwach wahrgenommen wird.

1990 heiratet Siegfried Unseld Ulla Berkéwicz, die mit bürgerlichem Namen Ursula Schmidt heisst. Ein Jahr später verlässt Sohn Joachim im Streit mit seinem Vater den Verlag.

Siegfried Unseld stirbt - Streit um Erbe, Macht und Einfluss

Nach 43 Jahren Verlagsleitung stirbt der Verleger am 26. Oktober 2002. Und jetzt nimmt die Geschichte der Zerwürfnisse Fahrt auf. Es geht ums Erbe, um Macht, um Einfluss auf einen der wichtigsten Verlage der deutschen Verlagslandschaft.

Portrait Mann

Bildlegende: Verlegersohn Joachim Unseld trennte sich 2009 von seinen Suhrkamp-Anteilen. Deutscher Buchpreis

Ein Jahr nach Unselds Tod übernimmt Ulla Unseld-Berkéwicz kurzerhand die Verlagsleitung. Was sie darstellt als letzten möglichen Ausweg, erscheint anderen wie von langer Hand geplant. Die Presse stürzt sich auf die Witwe. Verlegerisches Geschick wird ihr mehrheitlich abgesprochen, das Geschick für Intrigen und Machtgier im Gegenzug unterstellt.

Niemand kann jedoch ignorieren, dass Ulla Unseld-Berkéwicz mit der Zeit zu einer Instanz der Verlagslandschaft wird.

Sohn Joachim und Andreas Reinhart steigen aus

Im November 2006 schliesslich verkauft der Schweizer Mitgesellschafter Andreas Reinhart seine Holding AG Winterthur gegen den Willen von Ulla Unseld-Berkéwicz. Die neuen Besitzer kommen aus Hamburg und heissen Claus Grossner und Hans Barlach. Für rund 8 Millionen Euro, wie zu lesen ist, kaufen sie 29 Prozent des Suhrkamp Verlags. Die Verlegerin ist ausser sich und klagt gegen die Rechtmässigkeit des Verkaufs.

Hans Barlach sitzt mit einem Kaffe an einem Tisch und raucht eine Zigarette.

Bildlegende: Will mehr Mitsprache: Hans Barlach. Olaf Ballnus / Agentur Focus

Drei Jahre später trennt sich nach mehr als dreissig Jahren der Verlegersohn Joachim Unseld von seinen Suhrkamp-Anteilen und verkauft seine 20 Prozent zu je gleichen Teilen an die bisherigen Gesellschafter: die Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung und die Medienholding AG Winterthur, also Hans Barlach. Claus Grossner ist inzwischen verstorben.

Seither streiten Ulla Unseld-Berkéwicz und Hans Barlach um die Ausrichtung des Verlags. Während Hans Barlach auf seine Investition von 8 Millionen Euro verweist und damit das Recht auf mehr Mitsprache einklagt, versucht die Verlegerin seit Jahren, im Sinne Siegfried Unselds, den Verlag in seiner intellektuellen Bedeutung weiterzuführen.

Im letzten Jahr lief ein Gerichtsverfahren wegen Kompetenzüberschreitung ihrer Gesellschafterfunktion und der Veruntreuung von Geldern. Am 10. Dezember letzten Jahres fiel das Urteil. Es sieht die Entlassung von Ulla Unseld-Berkéwicz als Geschäftsführerin der Verlagsleitung vor. Ausserdem muss die Geschäftsführung 280‘000 Euro Schadensersatz an Hans Barlach zahlen, weil die Verlegerin ihre Berliner Privatvilla teuer eingerichtet und diese für Repräsentationszwecke für 80‘000 Euro im Jahr an den Verlag vermietet hat. Und das alles ohne die Genehmigung des Mitgesellschafters.

Vermittler gesucht

Der Streit spitzt sich zu, ein Ausweg ist nicht in Sicht. Das deutsche Feuilleton nimmt regen Anteil an der Causa Suhrkamp. Adolf Muschg schlägt den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck als Vermittler vor, Hans Barlach Heiner Geissler, Ulla Unseld-Berkéwicz Margot Kässmann.

Gauck sitzt neben Merkel

Bildlegende: Adolf Muschg schlägt den deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck (Bild) als Vermittler vor. Keystone

Anfang Januar melden sich mehr als 160 Suhrkamp-Wissenschaftsautoren zu Wort und fordern mit dem Appell «Eigentum verpflichtet!» das Einlenken der beiden Gesellschafter zum Wohle des Verlags. Der Appell der Wissenschaftsautoren scheint zu fruchten, denn Ende Januar schlägt Ulla Unseld-Berkéwicz vor, das Gerichtsverfahren vorerst auszusetzen, um gemeinsamen Gesprächen den nötigen Raum zu geben.

Das Gericht in Frankfurt muss darüber befinden, ob einer der Gesellschafter ausgeschlossen oder die gemeinsame Gesellschaft aufgelöst wird. Fortsetzung folgt, schon am Mittwoch, wenn das Gericht in Frankfurt entscheidet - in jedem Fall ist diese Geschichte noch lange nicht zu Ende geschrieben.

Sendung zu diesem Artikel