Ein Buch wie ein Boxhieb in die Leber

Dass ein Boxkampf spannend sein kann, ist keine Sensation. Dass ein Buch spannend sein kann, das fast ausschliesslich vom Boxen handelt: Das ist die Ausnahme. So eine Ausnahme ist der neue Roman von Stephanie Bart.

Historische Aufnahme von Johann Trollmann. Ein junger Mann mit nacktem Oberkörper und Boxhandschuhen schaut in die Kamera.

Bildlegende: Der Roman ist eine Hommage an Johann Trollmann. Der deutsche Boxer wurde im KZ getötet. Wikimedia

Die Geschichte, die uns Stephanie Bart in ihrem Roman erzählt, ist eindrücklich. Ihr Roman handelt vom jungen Boxer Johann Trollmann aus Deutschland. Oder von Rukeli, wie ihn seine Freunde nennen.

Ein junger Heisssporn, der mit seiner besonderen Box-Technik an den späteren Muhamed Ali erinnert. Ein Sinto, ein Zigeuner. Einer, der nie hätte Deutscher Meister im Halbschwergewicht werden dürfen, im Sommer 1933, wenn es nach den Nationalsozialisten gegangen wäre.

Skrupellos, verblendet und unmenschlich

Stephanie Bart erzählt gekonnt vom Aufstieg dieses jungen Boxers – und parallel dazu von der Machtentfaltung der Nationalsozialisten in Deutschland. Unerbittlich zeigt die Autorin auf, wie ungerecht, wie skrupellos, verblendet und unmenschlich mit Oppositionellen umgegangen wurde und mit solchen, die nicht der «arischen» Rasse entsprachen.

Und gerade dass Stephanie Bart dies am Einzelschicksal von Johann Trollmann vor Augen führt, schmerzt beim Lesen ungemein. So wie ein Boxschlag, direkt in die Leber. Trollmann ist nur acht Tage lang deutscher Meister. Danach wird ihm der Titel aberkannt, weil er Sinto ist.

Der Kampf ums Überleben

Doch er boxt weiter. Nur einen Monat später kämpft er in einer anderen Gewichtsklasse erneut um einen deutschen Titel. Ein Boxkampf, der zur Farce wird.

Denn der Boxverband lässt gezielt den Boxring zu Ungunsten Trollmanns verkleinern. Er kann nicht wie gewohnt auf Distanz boxen. Trollmann weiss, dass er verlieren wird. Er erscheint mit blond gefärbten Haaren und weiss gepudertem Gesicht, als Vorzeigearier verkleidet. Die können mich mal – so sein Statement, das ein politisches ist.

Wie Stephanie Bart diesen finalen Kampf beschreibt, der das Ende von Trollmanns Boxkarriere besiegelt, ist phänomenal. Wie sie Trollmanns legendäre Flanke als krönenden Anfang- und Schlusspunkt setzt, der markiert: Ich, Johann Rukeli Trollmann, lasse mich nicht unterkriegen – das rührt am Ende zu Tränen. Vor allem dann, wenn man weiss, dass er seinen letzten grossen Kampf ums nackte Überleben noch verlieren wird.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 25.11.2014, 17:06 Uhr.

Buchhinweis

Stephanie Bart: «Deutscher Meister», Hoffmann und Campe, 2014.