Autobiografischer Roman Ein gefallener Mann lernt wieder gehen

«Ein Mann, der fällt» ist ganz wörtlich zu nehmen: Ulrike Edschmid erzählt in ihrem Roman von einem Unglücksfall, der ihrem Lebensgefährten zustiess.

Mann mit Krücken geht Strasse entlang.

Bildlegende: Ist 30 Jahre nach dem Unfall ihres Lebensgefährten erschienen: Ulrike Edschmids Roman «Ein Mann, der fällt». Getty Images

Ein Mann renoviert die Wohnung, in die er kurz zuvor mit seiner Liebsten eingezogen ist. Es gibt viel zu tun. An einem Sommerabend – seine Partnerin ist morgens auf eine Dienstreise gegangen – malt er die kleine Kammer der Gründerzeitwohnung aus und stürzt von der Leiter.

«Querschnittslähmung ab dem sechsten Halswirbel, inkomplett.» So lautet die Diagnose. Von da an werden sich die Hoffnung und der Kampf des Mannes auf das kleine Wörtchen «inkomplett» richten.

Es gibt noch intakte Nervenbahnen, und diese wird er in einer Weise aktivieren, die niemand für möglich hält. Es gelingt ihm, den Rollstuhl zu vermeiden. Der gestürzte Mann bleibt – am Stock, an zwei Stöcken – ein gehender Mann.

Das Leben neu lernen

Es ist die Lebensgefährtin, die aus der Ich-Perspektive die Geschichte erzählt. Auch für sie bedeutet der Unfall eine Lebenswende – waren sie doch gemeinsam durchs Leben gegangen, eng miteinander verbunden.

Im Tanzen und Spazierengehen, im Reisen und Arbeiten, zuletzt im gemeinsamen Renovieren. Nun muss ein neuer Rhythmus gefunden werden. Und zuerst wird sie, allein, die Wohnung weiter renovieren.

Erstaunliches ist möglich. Er kehrt zurück in seinen Beruf als Stadtentwickler, er lernt das Autofahren neu. Sie setzt ihre Interviews dort fort, wo sie die Arbeitsreise abgebrochen hatte. Beide bleiben sie wache Beobachter des Lebens um sich herum; an jener belebten Ecke von Berlin-Charlottenburg, an der sie leben.

Die Mauer fällt

Das Haus ist turbulent: griechisch-orthodoxen Gottesdienste im Erdgeschoss, eine koreanische Suppenküche im vierten Stock, eine spanische Kneipe unten. Eine depressive Frau in der Nachbarwohnung. Ein Unfall vor dem Fenster: Als ein alter Mann in ein Taxi rennt und auf der Strasse stirbt, greift der gestürzte Mann seinen Stock und geht zum ersten Mal den langen Weg über die Strasse, um dem Taxifahrer beizustehen. Der gestürzte Mann ist ein überaus aufrechter Mann – auch davon handelt das Buch.

Dann fällt die Berliner Mauer. Wieder verändert sich das Leben. Die Mieten steigen, neue Menschen kommen. Der Mann nimmt sich einen zweiten Stock. Zusammen erkundet das Paar «unbekanntes Terrain», das Brachland im früheren Todesstreifen.

Nie mehr tanzen

Ulrike Edschmids autobiografisches Buch ist 30 Jahre nach dem Unfall erschienen. In ihrer knappen, präzisen, distanzierten Sprache dokumentiert sie den bewegenden Lernprozess, auch sehr krassen Veränderungen mutig ins Auge zu schauen. Also auch zu verabschieden, was nie mehr sein wird: tanzen, rennen, sich dem anderen in die Arme werfen.

Sendung: SRF 1, Literaturclub, 27.06.2017, 22:20 Uhr

Literaturclub

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«Ein Mann, der fällt» von Ulrike Edschmid ist heute Thema im Literaturclub um 22:20 Uhr auf SRF 1. Mit Nicola Steiner diskutieren Elke Heidenreich, Milo Rau und – als Gast – die Publizistin Carolin Emcke. Ausserdem:

  • J.D. Vance: «Hillbilly-Elegie»
  • Natascha Wodin: «Sie kam aus Mariupol»
  • J.L. Carr: «Wie die Steeple Sinderby Wanderers den Pokal holten».

Buchhinweis

Ulrike Edschmid

Ulrike Edschmid. Sebastian Edschmid / Suhrkamp Verlag

Ulrike Edschmid: «Ein Mann, der fällt». Suhrkamp, 2017.