Der Kuss in der Literatur «Ein Happy End muss errungen werden»

Der Schweizer Germanist Peter von Matt zeigt in seinem neuen Buch, wie ein Kuss ein Leben verändern kann – für immer.

Ein Pärchen küsst sich. Er trägt Uniform. Im Hintergrund: Ein Schiff und Soldaten, die das Schiff besteigen.

Bildlegende: Ein Kuss zum Abschied – auf immer? Peter von Matt begibt sich in seinem neuen Buch auf die Spur des Kusses. Getty Images

SRF: Vor 25 Jahren haben Sie das Buch «Liebesverrat» geschrieben. Ihr neues Buch heisst nun «Sieben Küsse». Haben Sie ihr Liebeskonzept revidiert?

Peter von Matt: Ein Liebeskonzept habe ich nicht. In meinem Buch «Liebesverrat» ging es mir um den Konflikt zwischen Liebe und gesellschaftlichen Normen. Das hat häufig zu Mord und Totschlag geführt, auch in der Literatur. Darum ist dieser Konflikt ein grosses Thema von Tragödien und Trauerspielen.

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«Sieben Küsse» von Peter von Matt (Hanser)

10 min, aus Literaturclub vom 31.1.2017

Das in verschiedenen Epochen aufzuzeigen, hat mich schon immer interessiert. Im Verlauf meiner Arbeit an der Universität habe ich auch gesehen, dass gute Literatur häufig eng mit gesellschaftlichen und politischen Begebenheiten der Zeit verknüpft ist, in der sie entstanden ist. Das ist auch in meinem neuen Buch «Sieben Küsse» wieder so.

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Das hat sich einfach so ergeben. Geküsst wird ja oft im Alltag. Aber das ist aus literaturwissenschaftlicher Sicht nicht interessant. Das wirft nichts ab.

Ich habe aber gewusst, dass es dramatische Texte von weltliterarischem Rang gibt, in denen ein singulärer Kuss eine Schlüsselrolle innehat. Und solche Texte habe ich für mein Buch ausgewählt.

«  Eine der grössten Leistungen ist es, ein Buch zu schreiben, das mit guten Gründen gut enden darf.  »

Kann man sagen, dass ernste Literatur im Gegensatz zu Unterhaltungsliteratur nicht mit einer Kuss-Szene endet – also nicht mit einem Happy End?

In der Tradition sind solche Enden häufig. Eine der grossartigsten Kuss-Szenen, in der eine lange Liebesgeschichte mit vielen Hindernissen zu einem guten Ende kommt, findet sich in Gottfried Kellers Novellensammlung «Das Sinngedicht».

Ein wunderbarer Text, der keineswegs banal ist, auch wenn er mit einem Happy End aufhört. Überhaupt hat das Happy End einen schlechten Ruf. Es gilt als Kitsch. Aber dagegen kämpfe ich schon lange an.

Ich finde, eine der grössten literarischen Leistungen ist es, ein Buch zu schreiben, das mit guten Gründen gut enden darf. Denn ein solcher Ausgang muss errungen werden. Da müssen Probleme und Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt werden. Das ist eine grosse Leistung.

In Ihrem Buch gibt es masslose, leidenschaftliche, irrtümliche Küsse. Zwei Romane sind mir darunter besonders aufgefallen: «Mrs. Dalloway» von Virginia Woolf und «Der grosse Gatsby» von F. Scott Fitzgerald. Beide Bücher spielen in den bewegten 1920er-Jahren. Ist das Zufall?

Das war auch für mich merkwürdig, dass ich zwei Bücher mit einer zentralen Kuss-Szene gefunden habe, die beide repräsentativ für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg sind, in denen sie entstanden sind. Virginia Woolf für England, F. Scott Fitzgerald für Amerika.

Das war für mich erkenntnisreich. Denn die 1920er-Jahre sind bei uns stark in Vergessenheit geraten. Der Zweite Weltkrieg und die Hitler-Zeit haben davor einen Vorhang gezogen. Dabei war damals kulturell und künstlerisch enorm viel in Bewegung. Die Gesellschaft hat sich verändert, moralische und sittliche Normen haben sich verändert. Man hat eine neue Freiheit im erotischen Umgang gelebt.

Als ich begonnen habe, an diesen beiden Büchern zu arbeiten, habe ich immer deutlicher realisiert: Das sind Bücher, die anhand von scheinbar privaten Geschichten, die damalige Gegenwart erzählen.

Nach diesem grauenhaften Krieg, wollte man wieder Leben. Man wollte geniessen. Und in diesen beiden Büchern spiegelt sich das wider. Und das ist das, was mich interessiert: Der Roman als eine besondere Form von Geschichtsschreibung.

Das Gespräch führte Annette König.

Sendung: Radio SRF 1, Buchzeichen, 5.2.2017, 14:06 Uhr.

Peter von Matt: «Sieben Küsse»

In seinem neusten Buch «Sieben Küsse. Glück und Unglück in der Literatur» zeigt der renommierte Schweizer Germanist Peter von Matt auf, wie ein einzelner Kuss ein Leben verändern kann – für immer. Und das an Texten von Heinrich von Kleist bis hin zu Margerite Duras. Da gibt es masslose, leidenschaftliche und irrtümliche Küsse. Kuss-Szenen, die einem zum Lesen inspiriert – zum Lesen der Originaltexte, die Peter von Matt scharfsinnig, mit grosser Kennerschaft interpretiert.

Peter von Matt

Peter von Matt

SRF / Cecilia Bozzoli

Peter von Matt war Professor am Deutschen Seminar der Universität Zürich. Er ist Autor u.A. von «Die tintenblauen Eidgenossen», «Die Intrige», «Verkommene Söhne, missratene Töchter». 2014 erhielt er den Goethe Preis der Stadt Frankfurt als «grosser Kenner und geistreicher Interpret der europäischen Literatur».

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