Ein Kind erzählt aus dem Herzen der Finsternis

Polina Scherebzowa ist neun Jahre alt, als in ihrer Heimat Tschetschenien der Krieg ausbricht. In ihrem Tagebuch hält sie ihre Kindheit im Krieg fest und wächst zur Chronistin ihrer Zeit heran – ohne für eine der beiden Seiten Partei zu ergreifen. Trotzdem lebt sie heute im Exil.

Ein Frau geht allein eine von Ruinen gesäumte Strasse entlang

Bildlegende: Das zerstörte Zentrum von Grosny im Sommer 1996. Hier lebte auch Polina Scherebzowa. Keystone

Dreissig dicke Schulhefte. Manche zerrissen. Einige fleckig. Es sind die Tagebücher von Polina Scherebzowa. Sie enthalten Worte des Grauens – die auch die heute 30-jährige Autorin noch erstaunen: «Als ich die Tagebücher abtippte, staunte ich, dass ich das, was ich da aufgeschrieben hatte, überlebt habe. Ich komme aus Grosny, der Hauptstadt Tschetscheniens. Die UNO erklärte sie 2003 zur meistzerstörten Stadt der Welt.»

Kinderzeichnung: Ein Dorf mit einem schiessenden Panzer und brennenden Häusern.

Bildlegende: Diese Zeichnung machte Polina Scherebzowa 1995 im Alter von zehn Jahren. Wikimedia

Als 1994 der erste Tschetschenien-Krieg ausbrach, war Polina 9 Jahre alt. 1999, als der zweite Tschetschenien-Krieg folgte, war sie 14 – und als er endete 24. «Ich wollte über Freunde schreiben, über kleine Kätzchen, den schönen Prinzen, der mich eines Tages umwerben wird. Ich hatte keine Ahnung, dass es einen Krieg geben würde», erklärt Scherebzowa ihre Einträge, die wie alle Mädchentagebücher beginnen. Polina beschreibt ihren kindlichen Alltag – doch schnell schleicht sich der Krieg in ihre Zeilen.

Dokumente des Grauens

Die Stadt Grosny wird zum Trümmerhaufen. Das Mädchen ernährt sich von geschmolzenem Schnee und Zwiebeln. Die Zähne fallen ihr aus. 1999 zerfetzt ihr eine russische Streubombe ein Bein. Und Polina schreibt. Sie schreibt darüber, wie der Hass die Menschen um sie herum zu entstellen beginnt.

Als Jahre später Auszüge ihres Tagebuchs in Russland veröffentlicht werden, schicken ihr die einen Schlägertypen, die anderen Briefe. Tausende von Briefen. «Vor allem Russen waren mir dankbar dafür, dass jemand endlich die Wahrheit über diesen Krieg erzählt. Aber noch dankbarer waren sie, dass ich in meinen Tagebüchern weder einen tschetschenischen, noch einen russischen Standpunkt vertrete, sondern einfach nur schildere, wie ich diesen Krieg als Kind erlebt habe.»

Exil in Finnland

Scherebzowa, eine junge Frau mit blonden Haaren und einem Kopftuch.

Bildlegende: Polina Scherebzowa 2011 in Moskau. Reuters

Das Buch wäre nur schwer zu ertragen, wären Polina Scherebzowas Schilderungen nicht voller Herzenswärme und Lakonie. Mit dem unbestechlichen Blick eines Kindes berichtet sie aus dem Herzen der Finsternis.

Es sei ein Wunder, dass sie dieser Finsternis entkommen sei, sagt Polina Scherebzowa. «Alle, die kritisch über diesen Krieg schrieben – Journalisten wie Anna Politkowskaja –, wurden umgebracht.» Dass in den Trümmern ein Kind zum unkorrumpierbaren Chronisten von Kriegsverbrechen wird, konnten Russlands Machtapparat und seine Vasallen nicht ahnen.

Doch genau dieser unbestechliche Blick eines Kindes ist es, der «Polinas Tagebuch» für Russland und seine tschetschenischen Vasallen so gefährlich macht, so dass seine Autorin sich heute in Finnland verstecken muss. «Polinas Tagebuch» beweist, dass es doch eine reine, eine unverstellte Wahrheit gibt. Eine Wahrheit, die alle Lügen entlarvt. Ein bewegendes, ein schreckliches aber wunderbares Buch.

Buchhinweis

Polina Schwerebzowa: «Polinas Tagebuch». Übersetzt von Olaf Kühl. Rowohlt, 2015.

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