Ein Leben wie vor Jahrhunderten – mitten im New York von 2016

In einer der strengsten jüdisch-orthodoxen Gemeinden der Welt unterliegt ein Frauenleben der totalen Kontrolle der Gemeinschaft. Die New Yorker Autorin Deborah Feldman erzählt von dieser Welt, aus der sie geflüchtet ist.

Ein Treffen der Satmar-Gemeinde in New York.

Bildlegende: Ein Treffen der Satmar-Gemeinde in New York. Reuters

Lange Haare, dunkle Augen hinter der Brille – und meist ein stilles, aber fröhliches Lächeln um die Lippen: Die 29-jährige Deborah Feldman wirkt selbstbewusst, wenn sie in klaren Worten ihre Geschichte erzählt. Obwohl die junge Amerikanerin erst seit zweieinhalb Jahren in Berlin lebt, ist ihr Deutsch schon so flüssig, dass sie sogar Witze in der fremden Sprache machen kann.

Endlich könne sie mal einfach jung sein, sagt sie. Dort, wo sie aufwuchs, in der chassidischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg, New York, hat sie das nie erlebt. Es ist eine der strengsten jüdisch-orthodoxen Gemeinden der Welt.

Strenge Regeln und Kontrolle

Da ihre Eltern nicht zur Verfügung standen, wuchs sie bei den Grosseltern auf. Ihre engste Bezugsperson war Grossmutter Bubby. Bubby hatte ihre Haare unter der Perücke rasiert – wie es der Rabbi und der Ehemann von einer gehorsamen Frau verlangen. Immer, wenn die Enkelin eines der strengen Gebote der Gemeinde in Frage stellte, lebte die Angst der Grossmutter vor einem neuen Holocaust wieder auf. Die Satmar-Gemeinde begreift die Shoah als Strafe Gottes an den Juden.

Als Deborah 16 war, wurde ein Mann für sie gesucht. Zweimal vor der Hochzeit durfte sie kurz mit ihm sprechen. Nach der Hochzeitsnacht musste sie einer Tante Bericht erstatten. Die Gemeinschaft wacht über den Zyklus der Frau, über ihre von «reinen» und «unreinen» Tagen geregelte Sexualität. Als Feldmans erstes Kind zweijährig war, reichte es ihr: Sie packte ihr kleines Auto voll und fuhr aus Williamsburg davon.

Schreibend in die Freiheit

Kurz darauf begann sie, alles aufzuschreiben: «Ich wollte eine Brücke aus dieser Welt hinaus in eine Welt bauen, die ich ja nicht kannte – und wollte den Menschen, zu denen ich ging, überhaupt die Möglichkeit geben, mich zu verstehen.»

Zugleich war ihr das Buch ein unverzichtbares Instrument im Kampf um das Sorgerecht für ihren Sohn, den sie keinesfalls in der Gemeinschaft zurücklassen wollte. Ihr Druckmittel war Öffentlichkeit. Kurz vor dem Auftritt in einer grossen Talkshow liess sie ihren Anwalt der Gemeinschaft ausrichten, wenn man ihr das Sorgerecht nicht überliesse, würde sie ganz Amerika jetzt sofort ihren Fall erzählen. Noch bevor die Talkshow begann, hatte sie den Kampf gewonnen.

Ein schwerer Weg

Und trotzdem – allein mit Kind in der völlig unbekannten säkularen Welt zu überleben, sei unfassbar schwer, beschreibt Feldman. Einige, die nach ihr die Gemeinschaft verlassen hätten, hätten inzwischen Selbstmord begangen. «Die Stimme im Kopf, die immer sagt: ‹Du kannst es nicht schaffen.› hört nicht auf.»

Nicht zuletzt deshalb hat Feldman vor einigen Jahren beschlossen, grossen räumlichen Abstand zu nehmen. Sie ist nach Berlin gezogen. Dass ihr Buch «Unorthodox», das in den USA in Millionenauflage erschien, auch in Deutschland interessiert, wundert und beglückt sie. Ein Buch, das sich nicht als Anklage liest – obschon es eine ist. Bis hinein ins Emotionale gelingt es Feldman, präzise, packend und unsentimental zu erzählen. Das Schlimmste, sagt Feldman mit glücklichem Lächeln, liege wohl hinter ihr. «Ich bin, glaube ich, auf der anderen Seite angekommen.»

Sendung: «Kultur Kompakt», SRF 2 Kultur, 13. April 2016, 17.00 Uhr

Buchhinweis

Buchhinweis

Deborah Feldman: «Unorthodox. Eine autbiographische Erzählung». Deutsch von Christian Ruzicska. Secession Verlag, 2016.