Literarische Unruhestifter Ein nötiger Stachel: Wenn sich Autoren einmischen

Junge Schweizer Autorinnen und Autoren mischen sich in aktuelle gesellschaftliche Debatten ein. Das war früher nicht anders, zeigt der Blick in die Geschichte. Sechs Fälle von engagierter Unruhestiftung.

Debatte mit jungen Autorinnen und Autoren

Die zeitgenössische Literatur ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, und kulturellen
Aktualität. Der «HörPunkt» lotet aus, was Autorinnen und Autoren unter 35 umtreibt.
«Aus dem Scheitern lernst du alles»: 6 AutorInnen, 6 Essays
Die Bilder vom Live-Hörpunkt
Alle Autorenbeiträge im Überblick

    • 1.
      Armer Mann kommt zu Wort
      Ulrich Bräker.

      Bildlegende: Das Leben im Toggenburg, von unten geschildert: Ulrich Bräker. Wikimedia/ToggenburgerMuseum

      Aus der Schreibstube heraustreten und sich in das Zeitgeschehen einmischen, dies taten in der Schweizer Literatur bereits die Alten. In einem gewissen Sinn bereits Ulrich Bräker, im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Alten Eidgenossenschaft.

      Der Kleinbauer, Söldner und literarische Autodidakt Bräker verfasste mit seinem Werk «Lebensgeschichte und natürliche Ebenteuer des Armen Mannes im Tockenburg» eine der ersten Autobiographien aus der Perspektive sozialer Unterschichten.

      Das Buch schilderte die prekäre Lebenswirklichkeit der einfachen Menschen und liess sich mitunter als aufklärerische Kritik an den bestehenden Verhältnissen lesen. Es erschien 1789, im Jahr der Französischen Revolution, und erregte weit über die Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit.

    • 2.
      Shitstorm für den Mahner

      Über ein Jahrhundert später, im Dezember 1914, mischte sich der damals weit herum bekannte Schweizer Dichter Carl Spitteler mit einer kraftvollen Rede in die Tagespolitik ein: In «Unser Schweizer Standpunkt» geisselte Spitteler die politischen Spannungen, die sich nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Innern der Schweiz aufgebaut hatten.
      Die Romandie hielt zu Frankreich, die Deutschschweiz zum Deutschen Reich. Die Gehässigkeiten erreichten ein Ausmass, dass Zeitgenossen ein Auseinanderbrechen der Schweiz befürchteten. Auch Spitteler. Er rief in seiner Rede zu innerer Geschlossenheit auf und forderte, gegenüber den Kriegsparteien strikt neutral zu bleiben.
      Spitteler erhielt viel Applaus, aber längst nicht nur. Er hatte in seiner Rede einige tadelnde Worte an die Adresse Deutschlands gerichtet. Aus deutschfreundlichen Kreisen schlug ihm nun eine Welle des Hasses entgegen. Ein Shitstorm der ersten Stunde.

    • 3.
      Als Beschimpfung verunglimpft

      Ähnlich erging es der Autorin und Frauenrechtlerin Iris von Roten Ende der 1950er-Jahre: In ihrem Buch «Frauen im Laufgitter» prangerte sie die Bevormundung der Frau durch das Patriarchat an.

      Die Reaktion im damaligen politischen Klima war absehbar: Das Werk wurde in weiten Teilen der Gesellschaft als rüde Männerbeschimpfung in Bausch und Bogen verworfen, und dies längst nicht nur von Männern.

    • 4.
      Angriff auf die beste aller Welten

      Debatten zu befeuern, darauf verstand sich in der jüngeren Schweizer Geschichte kaum jemand so perfekt, wie das literarische Zweigestirn Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt.

      Beide griffen in ihren Texten regelmässig das politische Tagesgeschehen auf: Sinn und Unsinn der Armee, die Neutralität, das Bankgeheimnis, das mythologische Geschichtsbild oder die weit verbreitete Selbstgerechtigkeit, die Schweiz sei die beste aller Welten.

      Sei es nach der Veröffentlichung von Frischs «Wilhelm Tell für die Schule» oder nach Dürrenmatts «Gefängnisrede» – der heftige Widerspruch vorab der bürgerlichen Elite in Politik, Wirtschaft und Armee war den Autoren gewiss.

    • 5.
      Ein Angeklagter inmitten Unbehelligter

      Ähnliches war auch die Erfahrung Niklaus Meienbergs, dem Meister der literarischen Reportage. Der Historiker und Autor wusste immer wieder zu provozieren: Beispielsweise 1987 mit einem kritischen Porträt über Ulrich Wille, den umstrittenen General der Schweizer Armee während des Ersten Weltkriegs.

      Oder mit dem Buch «Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S.», das später auch verfilmt wurde. Meienberg kontrastierte das Schicksal eines einfachen Schweizer Soldaten, der während des Zweiten Weltkriegs wegen kleiner Vergehen erschossen wurde, mit den NS-Verstrickungen einflussreicher Frontisten und Waffenproduzenten. Jene blieben allesamt unbehelligt.

    • 6.
      Polemik entfacht Polemik
      Video «Lukas Bärfuss im Gespräch mit Roger Schawinski» abspielen

      Lukas Bärfuss im Gespräch mit Roger Schawinski

      28 min, aus Schawinski vom 26.10.2015

      Dass Autoren auch heute noch Debatten auszulösen vermögen, führte zum bisher letzten Mal Lukas Bärfuss vor. Er publizierte im Herbst 2015 im deutschen Feuilleton eine polemische Abrechnung mit der Schweiz.

      So foutiere sich das Land etwa um die Europafrage, betreibe altersschwache Atomkraftwerke oder lasse die rechte Unterwanderung der Medien zu.Die Reaktionen waren harsch, bisweilen ungerecht. Lukas Bärfuss war es jedoch gelungen, eine Debatte in Gang zu setzen.

Der nötige Stachel im Fleisch

Literaten vermögen zwar nicht die Welt zu verändern. Aber sie können kraft ihres Wortes Zeitfragen auf den Punkt bringen. Überraschende Bezüge herstellen. Neue Perspektiven eröffnen. Dies tut manchmal weh. Aber es ist – damals wie heute – von unschätzbarem Wert.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Hörpunkt, 02.04.2017, ab 11:03 Uhr