10 Jahre Literaturinstitut «Eine berühmte Schriftstellerin nannte meinen Text Gehirnwixe»

Seit der Gründung hat das Schweizerische Literaturinstitut rund 100 Autorinnen und Autoren hervorgebracht. Sieben von ihnen erinnern sich an schöne und schlimme Erlebnisse in der Bieler Schule.

Eine Illustration mit den Porträts sieben junger Autoren.

Bildlegende: Studierten am Literaturinstitut: M. Fehr, A. Camenisch, H. Helle, M. Steinbeck, S. Lappert, W. Höll, J.Weber (v.l.). SRF / Cecilia Bozzoli

Literarisches Schreiben studieren

Seit der Gründung des Schweizerischen Literaturinstituts haben rund hundert Autorinnen und Autoren die Schule mit einem Bachelor abgeschlossen. Auch Heinz Helle, Michelle Steinbeck, Arno Camenisch, Simone Lappert, Michael Fehr, Julia Weber und Wolfram Höll haben Litera­risches Schreiben studiert. Uns verraten sie ihre schönen und schlimmen Erlebnisse an der Schule.

Heinz Helle

Ein Porträt von Heinz Helle.

Bildlegende: Studierte Philosophie in München und New York: Der deutsche Schriftsteller Heinz Helle. Keystone

SRF: Sie waren Student am Schweizerischen Literaturinstitut. Was war die schlimmste Erfahrung, die Sie dort gemacht haben?

Heinz Helle: Einmal nannte eine berühmte Schweizer Schriftstellerin meinen Romanentwurf Gehirnwixe. Eigentlich war das aber gar nicht so schlimm. Sie sagte es sehr ruhig und freundlich. Heute lachen wir gemeinsam darüber.

Was war Ihre grösste Erkenntnis an dieser Schule?

Schreiben ist eine Körperfunktion. Es ist ungesund, sie zu unterdrücken.

Was war Ihr schönstes Erfolgserlebnis?

Im Parterre gab es ein altes Klavier. Einmal habe ich dort ein (leichtes) Stück von Schumann gespielt, um meine Mitstudentin Julia Weber zu beeindrucken. Sie hatte einen Schwächeanfall und fiel um. Später heiratete sie mich.

Welches Vorurteil über das Literaturinstitut stört Sie?

Ich kann mit dem Begriff «Instituts-Prosa» nichts anfangen. Die Bücher meiner Bieler Freunde und Kollegen haben für mein Empfinden sehr wenig gemeinsam. Der wichtigste Teil des Studiums in Biel ist das Suchen und Finden der eigenen Stimme.

Was wünschen Sie den nächsten Studentinnen, die am Institut lernen?

Das Bieler Institut ist ein neutraler, geschützter Raum für euer Schreiben, in dem alles erlaubt ist. Nutzt ihn.

Michelle Steinbeck

Michelle Steinbeck sitzt mit weissem Hemd und Jeans auf einer langen Bank.

Bildlegende: «In der Schreibschule wird man normiert? Das ist neidiger Blödsinn», meint Autorin Michelle Steinbeck. Keystone

SRF: Was war Ihre schlimmste Erfahrung am Institut?

Michelle Steinbeck: Schlimm war meine erste Publikation in einem Jahrbuch. Es war mir nur peinlich, dieses lausige Gedicht öffentlich abgedruckt zu sehen.

Was war Ihre grösste Erkenntnis an dieser Schule?

Dass Schreiben tatsächlich eine Tätigkeit ist, die man verfolgen kann. Und dass ich das machen kann. Dass ich mich zurückziehen und sagen darf: Ich komme heute nicht raus, muss schreiben.

Was war Ihr schönstes Erfolgserlebnis?

Bei der Abschlussparty habe ich dreizehn Wienerli gegessen, obwohl ich Vegetarierin war.

Welches Vorurteil über das Literaturinstitut stört Sie?

Ich höre immer wieder, wie in abfälligem Ton von «Institutsprosa» geredet wird. Als würde man einem Roman sofort ansehen, dass er von einer Literaturinstitut-Abgängerin geschrieben wurde, als würde man in der «Schreibschule» irgendwie normiert. Das ist neidiger Blödsinn. Es sind ja oft die älteren Semester, die dieses langweilige Literaturinstitut-Bashing betreiben: Zu deren Zeit gab es das noch nicht, da gingen einfach alle zu Adolf Muschg.

Was wünschen Sie den nächsten Studenten?

Probiert aus! Verbiegt euch nicht für einzelne Meinungen, die ihr zu hören kriegt. Und wenn es aufhört Spass zu machen, macht Pause, fangt neu an.

Arno Camenisch

Autor Arno Camenisch lehnt sich im schwarzen Hemd an eine Wand.

Bildlegende: «Für’s Schreiben gibt es kein Rezept und keine Formel», sagt Schriftsteller Arno Camenisch. Keystone

SRF: Was war Ihre schlimmste Erfahrung am Institut?

Arno Camenisch: Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht.

Was war Ihre grösste Erkenntnis an dieser Schule?

Der Aufbau des Studiums ist eine grosse Stärke, im Zentrum liegen stets die eigene Textproduktion und die eigenen Projekte. Es geht darum, die eigene Stimme zu entwickeln und auch herauszufinden, was die eigenen Themen sind. Man ist aufgefordert, genau hinzuschauen. Das ist auch für die Zeit nach dem Studium absolut essentiell, darauf baut alles auf.

Was war Ihr schönstes Erfolgserlebnis?

Das Schönste ist die Tiefe, die man erlangt, indem man intensiv an den eigenen Projekten arbeitet. Als würde man Gold graben, man gräbt tiefer und tiefer, bis man auf die Klunken stösst.

Welches Vorurteil über das Literaturinstitut stört Sie?

Vorurteile interessieren mich nicht.

Was wünschen Sie den nächsten Studentinnen?

Es gibt kein Rezept und keine Formel. Also einfach machen, stets mit ganzem Herzen und mit vollem Risiko.

Simone Lappert

Ein Porträt von Simone Lappert.

Bildlegende: «Das Literaturinstitut hat meinen Blick für Texte geschärft»: Simone Lappert gibt dieses Wissen gerne weiter. Graf & Graf

SRF: Was war die grösste Ernüchterung, die Sie am Institut erlebt haben?

Simone Lappert: Während des Studiums ging es kaum um den Betrieb, vielmehr um den Text. Nach dem Studium in diesen Betrieb hinein geworfen zu werden, war sehr ernüchternd.

Was war Ihre grösste Erkenntnis an dieser Schule?

Dass man einem Text, einem eigenen oder fremden, am meisten hilft und ihn am sinnvollsten kritisiert, wenn man ihn an dem misst, was er sein möchte, und dann versucht, ihn auf die Höhe seiner Möglichkeiten zu bringen.

Was war Ihr schönstes Erfolgserlebnis?

Drei Jahre nach dem Institut tatsächlich einen Roman zu Ende geschrieben zu haben. Und in verschiedensten Situationen zu merken, wie sehr die Zeit am Institut, besonders die Diskussionen mit anderen StudentInnen, meinen Blick für Texte geschärft haben, dass ich etwas mitgenommen habe, was ich weitergeben kann.

Welches Vorurteil über das Literaturinstitut stört Sie?

Dass dort angeblich nur gleichklingende, genormte Institutsprosa entsteht. Das ist eine Floskel, die den sehr unterschiedlichen Büchern in keiner Weise standhält. Auf die Erklärung, warum genau man die Bücher von Matthias Nawrat, Dorothee Elmiger und Michael Fehr nicht unterscheiden können soll, wäre ich jedenfalls sehr gespannt.

Was wünschen Sie den nächsten StudentInnen, die am Institut lernen?

Dass sie den Freischreibraum vollumfänglich nutzen, den das Studium ihnen bietet. Und dass sie hinterher nicht mit obigen Vorurteilen zu kämpfen haben.

Michael Fehr

Michael Fehr steht vor einem grossen Bücherregal.

Bildlegende: «Ich habe im Institut mein künstlerisches Bewusstsein entwickelt»: Michael Fehr über seine Ausbildung in Biel. Keystone

SRF: Was war die grösste Ernüchterung, die Sie am Institut erlebt haben?

Michael Fehr: Ein Unverständnis gegenüber meiner einerseits gestreng regelhaften, andererseits plötzlich wieder völlig intuitiven Arbeitsweise – das hat mich anfangs enttäuscht. In jeder Disziplin kann man zwischen totaler Intuition und totaler Regelhaftigkeit pendeln. Wenn eine Disziplin stark aus dem «Befolgen von Regeln» besteht, kann Virtuosität entwickelt werden. Bei der Intuition ist das nicht möglich, weil sie nicht messbar ist.

Was war die grösste Erkenntnis an dieser Schule?

Dass ich meinen eigenen Weg verfolgen kann. Nach dem einen oder anderen Scharmützel am Institut ist mir das gewährt worden. Als Arbeiter ist man darauf angewiesen, jemanden zu haben, der einem etwas beibringt. Als Künstler hat man es nötig, dass man ein Selbstbewusstsein entwickeln und sein Wesen entfalten kann. Für das braucht man Raum und Zeit und vor allem das Vertrauen anderer. Das ist die grösste Errungenschaft, die man als Künstler haben kann. Denn als Autor muss ich selber wissen, was ich mache. Dafür hat mir das Institut Raum gegeben.

Was war Ihr schönstes Erfolgserlebnis in der Ausbildung?

Der Moment, als ich mich vom Blatt gelöst und begonnen habe, zu hören und zu reden. Das liegt in meiner Natur; Ich bin ein Zuhörer und ein Erzähler. Das Zuhören und Reden ist ein Zustand, der in seinem Flüchtigen viel mehr beinhaltet, als konserviert in einer Schrift. Schriftlichkeit ist wiederum unabdingbar, um andauerndere Verbindlichkeit darzustellen.

Welches Vorurteil über das Literaturinstitut stört Sie?

Dass das Institut keine Daseinsberechtigung habe, weil man Schreiben nicht lernen könne. Wenn Leute zu mir sagen «du hättest es auch so geschafft, ohne Institut», muss ich sagen: Nein, ich hätte das eben nicht geschafft, ich musste das erleben. Ich habe dort mein künstlerisches Bewusstsein entwickelt und entstehen lassen. Irgendeine Art von als Ausbildung akzeptierter Höhle habe ich gebraucht.

Was wünschen Sie den nächsten Studenten?

Sie sollen entdecken oder wiederentdeckten, dass sie selber denken können. Wenn sie das bereits wissen, dann dass sie dieses Wissen bewahren.

Julia Weber

Ein Porträt von Julia Weber.

Bildlegende: «Am Institut wurde uns kein Schreiben beigebracht, wir bekamen den Raum unsere Sprache zu finden», sagt Julia Weber. Keystone

SRF: Was war die grösste Ernüchterung, die Sie am Institut erlebt haben?

Ich erlebte das Schreiben in dieser Zeit als Rausch. Ich habe mich in verschiedenste Personen hineinversetzt und aus Perspektiven die Welt zu betrachten versucht, die weit von mir entfernt sind. Nie habe ich aber aus der Perspektive einer jungen Frau geschrieben. Dann wurde ich im letzten Jahr schwanger. Und innerhalb weniger Wochen war meine Empathie verschwunden. Ich hatte keine Ahnung mehr, wie es sich anfühlen könnte, ein alter Mann oder ein Kind zu sein. Ich wusste nur noch wie es ist, wenn in einem ein Mensch entsteht. Das hat mich so sehr eingenommen, dass ich anfing, sehr schwangere Texte zu schreiben. Nach dem Abschluss habe ich aber wieder zu meiner Empathie zurückgefunden.

Was war Ihre grösste Erkenntnis an dieser Schule?

Dass das Schreiben ein Zustand sein kann. Dass man sich in diesen Zustand hineinversetzt und dann Welt in einen hineinkommt, und als Worte, die ein Gefühl transportieren, wieder aus einem herauskommen.

Was war Ihr schönstes Erfolgserlebnis?

Es gab ein Seminar, das sich «erotisches Schreiben» oder so ähnlich nannte. Da hat ein Freund, der das Seminar besuchte, nicht gewusst, was er schreiben soll, hat mich gefragt und ich schrieb in einem Atemzug eine Erzählung für ihn, die er dann Anonym ins Seminar mitnahm. Die TeilnehmerInnen und der Dozent lasen die Erzählung, wollten wissen, wer es geschrieben hat. Dann kam ich als Gast hinzu und konnte meine Geschichte Besprechen lassen. Sie ist bis jetzt noch eines meiner liebsten literarischen Werke.

Welches Vorurteil über das Literaturinstitut stört Sie?

Dass es eine solche Schule nicht brauche, weil jeder, der schreiben will, seinen Weg selber finden müsse. Dass den Menschen am Institut das Schreiben beigebracht werde und dies zu einem einheitlichen Schreiben führe. Wenn es diese Schule nicht braucht, dann braucht es auch keine anderen Kunstschulen. Es wurde uns kein Schreiben beigebracht, wir bekamen den Raum, unsere Sprache zu finden.

Was wünschen Sie den nächsten StudentInnen?

Ich wünsche Ihnen, dass sie die Jahre voll auskosten können, dass sie am Institut mit Menschen zusammentreffen, die eine ähnliche Sicht auf die Welt und die Möglichkeiten der Sprache haben. Dass sie nach Biel ziehen können. Biel ist eine gute Stadt.

Wolfram Höll

Ein Porträt von Wolfram Höll.

Bildlegende: «Das Institut bietet Platz, um herauszufinden, was man mit dem Schreiben alles machen kann», meint Autor Wolfram Höll. AFFOLTER/SAVOLAINEN

SRF: Was war Ihre schlimmste Erfahrung am Institut?

Wolfram Höll: Ich bin ein Jahr sitzengeblieben. Das war nicht so toll. Aber auch unvermeidbar.

Was war Ihre grösste Erkenntnis an dieser Schule?

Dass ich tatsächlich schreiben kann. Das war mir davor nicht klar. Wenn man nur für sich alleine schreibt, überhöht man sich einerseits, weil der einzige Vergleich grad Brecht und Handke sind. Gleichzeitig macht man sich aber auch klein beim Schreiben. Man gibt die Texte nicht raus, so ernst nimmt man sie ja nicht. Als ich das Handwerk aber studiert habe, mich mit Leuten austauschen konnte, habe ich gemerkt: Das kann man ernst betreiben. Es hat Potenzial.

Was war Ihr schönstes Erfolgserlebnis?

In den Seminaren, wenn man in Gesprächen gemeinsam zu Erkenntnissen kommt – über das Texten, über das Schreiben – hatte ich oft Glücks- und Erfolgsmomente.

Welches Vorurteil über das Literaturinstitut stört Sie?

In Literaturinstituten in Deutschland sagt man manchmal, sie würden «Literaturinstituts-Prosa» herausbringen. In meinem Jahrgang haben die Schüler so verschieden geschrieben, dass man nicht sagen kann, es gebe eine Vereinheitlichung des Stils. Im Gegenteil.

Was wünschen Sie den nächsten StudentInnen?

Betrachtet die Schule als Chance. Im Literaturinstitut hat man als Lernender extrem viel Freiraum, um herauszufinden, was man mit dem Schreiben alles anfangen kann.

Veranstaltungshinweis

Zu seinem zehnjährigen Jubiläum organisiert das Schweizerische Literaturinstitut eine Lesetournee. Sie führt nach Vevey, Basel, Lausanne, Brig, Zürich und endet in Berlin.

Schweizer Autoren unter 35