Eine deutsche Geschichte, der Tatsachen nicht genügen

In «Oben das Feuer, unten der Berg» schildert Büchnerpreisträger Reinhard Jirgl, wie ein Berliner Kriminalkommissar einen Frauenmörder sucht – und dabei Staatsverbrechen der DDR und der Bundesrepublik aufdeckt. Jirgl mischt Tatsachen mit Möglichem, und beliebt seiner ureigenen Poetik treu.

Die Spitze des Berliner Fernsehturms: Eine runde Kuppel, darauf ein Mast.

Bildlegende: Berlin, Alexanderplatz: Ein Kommissar sucht einen Frauenmörder und deckt weitreichende Verstrickungen auf. Flickr/Florian Lehmut

Wer einen Roman von Reinhard Jirgl – egal welchen – an beliebiger Stelle öffnet, wird entweder erschrecken oder neugierig werden. Jede Seite lebt. Jirgl verwendet Sonderzeichen wie & oder +, Ziffern wie 1 oder römisch I, Abkürzungen wie od. Grössere Teile des Textes sind kursiv, andere fett gedruckt. Mit Bindestrichen und Gleichniszeichen werden Wörter verbunden oder zerlegt. Ausruf- und Fragezeichen stehen am Satzbeginn.

Ein Mann mit Brille und Schnauz; er schaut eher skeptisch.

Bildlegende: Reinhard Jirgl, 1953 in Ostberlin geboren, erhielt 2010 den Büchnerpreis für sein episches Werk. Keystone

?Was soll das alles.

Dank Jirgls Zeichensetzung wird der Leser zum Schauspieler für sich selbst. Er nimmt bestimmte innere Haltungen ein, sieht deutlichere Bilder, hat eigenwilligere Gedanken. Die vorangestellten Frage- oder Ausrufungszeichen wirken wie Notenschlüssel. Man begibt sich lesend in den entsprechenden Modus. Die Sonderzeichen und Ziffern schaffen ein kaltes, bürokratisches Ambiente. «2 Wachtposten» sind auf ihre Funktion reduziert. Eine Umarmung wird intensiver, wenn es heisst: Sie «schlang ihre Arme=um-seinen-Hals=die-Schultern».

Geläufige Wörter werden mit Assoziationen und Inhalten angereichert: die «Inhaf-Tierten», «die Er-Zieh-Herrinnen». Hinzu kommt Jirgls Sprachfantasie. Die Sinnlichkeit und die Anschaulichkeit seiner Sprache sind bezeichnend für ihn. Ein Beispiel: Ein Polizeikommissar berichtet, wie er einen Koffer mit uralten Tonbändern öffnet. Er sagt: «Sofort traf mich ein kompakt=technischer Dunst, etwas aus stockfauligem Leder & scharf Nitrohaltigem, als hätt ein Roboter Mundgeruch».

Nichts verbieten lassen

Natürlich hat man Jirgl bedeutet, dass seine eigensinnige Zeichensetzung den Absatz seiner Werke beeinträchtigen könnte. Er sagte: «Ich hab's mir von der Stasi nicht verbieten lassen, da werde ich's mir auch nicht vom Markt verbieten lassen».

Jirgl wurde 1953 in der DDR geboren. In Ost-Berlin arbeitet er als Elektromechaniker, Ingenieur und Theatertechniker. Publizieren konnte er nicht. Als die DDR 1989 unterging, waren Jirgls Schubladen voll. Im vereinigten Deutschland ist er seit Mitte der 1990er-Jahre einer der wichtigsten und innovativsten Schriftsteller. Für sein umfangreiches Werk erhielt er so bedeutende Ehrungen wie den Breitbach- und den Büchnerpreis.

Verstrickungen über das Ende der DDR hinweg

Jirgls neuster Roman, «Oben das Feuer, unten der Berg», ist ein Konzert aus vielen Stimmen. Der Autor selbst meldet sich nirgends direkt zu Wort. Er lässt seine Figuren sprechen, allen voran ein Hauptkommissar im Polizeirevier am Berliner Alexanderplatz. Dieser sucht einen vierfachen Frauenmörder und stösst dabei auf eine veritable Familientragödie: Irma und Alois Berger, Kinder enteigneter Bauern, kommen der Nazivergangenheit des örtlichen Parteisekretärs auf die Spur. Deswegen werden sie 1959 verhaftet. Jahrzehntelang bleiben sie im Knast.

Ihre Tochter wächst bei Adoptiveltern auf. Als Historikerin erforscht sie später so brisante politische Zusammenhänge. Das führt dazu, dass sie auch noch nach der Wende 1989 entlassen wird. Ihr Bruder, im Knast geboren, von Anstalt zu Anstalt geschoben, wird Verbrecher und Berufskiller. Jirgls Roman bleibt allerdings nicht im deutsch-deutschen Geplänkel stecken. Er öffnet sich zum Ende auf Geschichten von Flucht und globalisierter Gewalt.

Was möglich gewesen wäre

Jirgls Geschichten liefern das Panorama einer ganzen Epoche, die von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis ins Jahr 2020 reicht. Dabei begnügt sich Jirgl nicht mit der Darstellung von tatsächlich Gewesenem. Er malt sich auch aus, was möglich gewesen wäre.

Er schreibt über ein Killerkommando im Kalten Krieg, das von Ost und West gemeinsam betrieben wurde. Ausserdem erfindet er den GBU, den Grossen Bürokratischen Umbau, der auffällig stark der sogenannten Wende von 1989/90 gleicht. Und er entwirft ein neuartiges Weltraumprojekt: Für den Fall einer grösseren Katastrophe bereiten die Herrschenden aller Länder ihren Absprung in den Weltraum vor. Jirgls Roman besticht durch lebendige Figuren, historische Präzision, realistische Phantasie und eindringliche Sprachmacht.

Buchhinweis

Reinhard Jirgl: «Oben das Feuer, unten der Berg». Carl Hanser Verlag, 2016.

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