Eine perfekte Lektüre in Sachen italienischer Lebenskunst

Der Roman «Die Welt auf dem Kopf» der italienischen Bestseller-Autorin Milena Agus erzählt vom Leben in einem alten Palazzo in Cagliari auf Sardinien. Eine perfekte Lektüre, um sich ein Stück Italianità, ein Stück italienische Lebenskunst, nach Hause zu holen.

leere italienische Strasse, alte Frau geht mit Blumen durch ein Tor

Bildlegende: Sie lernt jemanden kennen und lieben... Keystone

Man riecht den Tomatensugo, wenn man durch die Eingangstüre tritt, und hört das Stimmengewirr im Treppenhaus. Bei der Lektüre des Romans «Die Welt auf dem Kopf» lässt man sich von Beginn weg verzaubern von der heiteren, temperamentvollen, aber nur scheinbar sorglosen Atmosphäre, die Milena Agus in ihrem neuen Buch beschreibt.

Für Liebe ist es nie zu spät

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Liebe zwischen dem «Signore von oben» und der «Signora von unten.» Der «Signore von oben» – das ist Johnson senior, ein amerikanischer Violinist, zwischen 70 und 80 Jahren alt, der zugunsten eines einfachen Lebens auf eine Weltkarriere verzichtet hat. Er ist stets wie ein Gentleman gekleidet, allerdings sind seine Schnürsenkel selten gebunden und sein Hosensaum hängt meistens herunter.

Portrait Milena Agus

Bildlegende: Verdrehte Verhältnisse und eine alte Liebe, die nicht rostet, im neuen Buch von Milena Agus dtv / Heike Bogenberger

Die «Signora von unten» heisst Anna, sie wohnt in einer dunklen Wohnung, ist herzkrank und hat drei Jobs, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber sie lässt sich nie unterkriegen, und wenn sich ihre Tochter über eine Ungerechtigkeit beschwert, langweilt sie sich nach kurzer Zeit. Sie hat einen Blick für besondere Dinge, kann sich freuen an einem Bild, das ein ungemachtes Bett vor dem meerblauen Fenster abgibt.

Anna wird die Haushälterin von Johnson senior – und es dauert nicht lange, bis sie verführerische Dessous kauft, um ihm zu gefallen. Die beiden trauen sich, auch im reiferen Alter ihre Liebe zu leben.

Normale Aussenseiter

Damit inspirieren sie auch die restlichen Bewohnerinnen und Bewohner des alten Palazzo, die allesamt nicht so sind, wie man es vielleicht erwarten würde: die jungen Frauen zaudern und trauen sich nicht, das Leben zu entdecken, schwule Männer zeugen Kinder, die Kinder sind diejenigen, die mit Weitsicht und Weisheit durch den Alltag gehen. Die Welt ist «auf dem Kopf» – und der Leser, die Leserin, fragt sich unwillkürlich: was ist denn eigentlich normal?

Denn für die Menschen, die im alten Palazzo leben, ist nichts ungewöhnlich. Sie stellen sich ihren Lebensumständen, lassen sich davon aber nicht unterkriegen.

Mit dem Roman «Die Welt auf dem Kopf» ist der italienischen Schriftstellerin Milena Agus einmal mehr ein leichtfüssiges Buch mit Tiefgang gelungen – und ohne, dass er moralisiert, ist dieser Roman ein schönes Beispiel für gelassene und gelebte Toleranz.