Eine pflanzliche Liebe im künstlichen Paradies

Vom Paradies und von Zwergen: Davon handelt Thomas Hettches neuer Roman «Pfaueninsel». Es ist ein historischer Roman, eine ergreifende Liebesgeschichte und eine Reflexion auf Aufklärung, Vernunft und Schönheit zugleich.

Ein Gemälde der Pfaueninsel. Üppige Pflanzen sind abgebildet.

Bildlegende: Im künstlichen Paradies entflammt eine unmögliche Liebe. (Gemälde: Carl Blechen, 1832) Wikimedia

Vor Potsdam, wo die preussischen Könige residierten, liegt in der Havel die malerische Pfaueninsel. Hier machte Friedrich Wilhelm III. ab 1821 seinen Traum eines künstlichen Paradieses war: Er liess vom damals berühmten Landschaftsarchitekten Lenné einen englischen Garten anlegen.

Dampfmaschinen beheizten ein riesiges Gewächshaus mit exotischen Pflanzen. Kängurus, Kolibris, Papageien, Pfauen, ein Löwe, ein Elch und 800 andere Tiere tummelten sich inmitten rarer Blätter und Blumen, die von einem Kanalsystem bewässert wurden. Um die Schaulust zu befriedigen, wurden auch besondere Menschen auf die Insel geholt: Schwarze, Riesen und Zwerge.

Pflanzliche und tierische Liebe

Maria Dorothea Strakon heisst eine Kleinwüchsige, die ihr Leben auf der Pfaueninsel verbrachte. Sie, deren Lebens- und Liebesgeschichte der Roman «Pfaueninsel» von Thomas Hettche erzählt, ist eine couragierte, neugierige Frau. Sie ist zärtlich und klug, lacht gern und lässt sich auch von brutalen Schicksalsschlägen nicht unterkriegen. Sie lebt zuerst ein zärtliches, inniges, auch sexuelles Verhältnis zu ihrem ebenfalls kleinwüchsigen Bruder.

Ihre grosse Lebensliebe gilt aber einem gewissen Gustav Fintelmann. Dieser erwidert ihre Liebe durchaus, kommt aber als typischer Bürger seiner Zeit, der Biedermeierzeit, mit seiner Liebe zu einer Kleinwüchsigen nicht zu Rande. Er träumt von einer unkörperlichen, unsexuellen, «pflanzlichen» Liebe, die im Gegensatz steht zur «tierischen» Liebe. Er verleugnet und verdrängt sein Begehren, er verstösst Marie.

Ein neues Schönheitsideal

Hettche gelingt es, auf ganz unangestrengte Weise ein grosses Thema in Geschichten zu fassen. Er schildert sehr anschaulich, wie das ältere, mittelalterliche Bild von einer unverständlichen Schöpfung, in der auch abweichende Lebensformen – wie etwa die Kleinwüchsigkeit – ihren Platz hatten, vom modernen Schönheitsideal und der wissenschaftlichen Auffassung von der Natur abgelöst wird: Nun geht man davon aus, dass die Natur strengen Regeln, Gesetzen und Normen folgt. Und was diesen nicht entspricht, ist eben krank.

Die kleinwüchsige Marie zieht die Blicke auf sich. Die neugierigen Blicke der Insel-Touristen, die gleichgültigen Blicke des Königs, die liebenden Blicke des Bruders, die zärtlichen Blicke eines Kochs, die sanftmütigen Blicke einer Ceylonesin, die natürlich-sicheren Blicke der Tiere. «Jeder Blick, der uns trifft, zerstört unsere eigene Welt und stellt uns in seine eigene hinein», heisst es im Roman, der ein weites Register von verschiedenen Blick-Arten entfaltet.

Fast nebenbei schildert Hettche ein Jahrhundert preussischer Geschichte. Anno 1860 führt er Marie ins industrialisierte Berlin. Hier sind eine Grosstadt und eine Arbeiterklasse entstanden, hier stehen rauchende Schlote, feurige Essen, wummernde Walzwerke. Die Pfaueninsel und mit ihr Marie sind aus der Zeit gefallen. Die Tiere sind im Berliner Zoo untergebracht, die Pflanzen verkommen, die Insel ist entvölkert. Marie steckt schliesslich das heruntergekommene Treibhaus in Brand und kommt in den Flammen um.

Buchhinweis

Thomas Hettche: «Pfaueninsel», Kiepenhauer & Witsch, 2014.

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