Eine wie die Andere: So gefährlich kann Freundschaft sein

Mit einem autobiografischen Text über die Beziehung zu ihrer manisch-depressiven Mutter wurde Delphine de Vigan berühmt. «Nach einer wahren Geschichte» heisst ihr neuer Roman. Ein Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit, ausgezeichnet mit dem «Prix Renaudot». Jetzt ist das Buch auf Deutsch erschienen.

Zwei Mädchen halten ihre Hände in die Kamera. Darauf steht: Best Friends.

Bildlegende: Die Eine tritt als die jüngere Ausgabe der Anderen auf: ein Verwirrspiel. Imago

Roman Polanski wird das Buch verfilmen. Den Roman über die gefährliche Freundschaft zweier Frauen, die sich einmal zufällig begegnen und nicht mehr voneinander loskommen.

L. heisst die gefährliche Freundin, nur «L». Sie ist eine, die Texte für andere schreibt, Biographien für berühmte Leute, Ghostwriterin also und sie trifft die Schriftstellerin Delphine auf einer Party. Ganz langsam nimmt L. von Delphin Besitz. Aus Hilfe wird Einfluss und daraus wird Anspruch.

Sie arbeitet für die Andere, zieht bei ihr ein, schreibt ihre E-Mails, kommentiert ihr nächstes Buchprojekt und ist einfach immer da. Bald kopiert sie Frisur und Kleidung. Schliesslich tritt die Eine als die jüngere Ausgabe der Anderen auf. L., die Doppelgängerin. Ist es so? Oder ist alles ganz anders?

Nützliche Fakten, falsche Fährten

Delphine de Vigan hat diesen Roman einer Obsession als Psychokrimi und Verwirrspiel angelegt, mit Stephen King als Motto und den Ausschweifungen des «Nouveau Roman» als Erbe. Nichts soll so sein, wie es scheint, wo doch alles zuerst nach Eigenem klingt.

De Vigan beschreibt die Grundzüge ihres Lebens nach dem Bestseller-Erfolg ihres letzten Romans «Das Lächeln meiner Mutter». Da stimmt der «Writers Block» danach, das Leben im Pariser 11. Arrondissement, der Partner, der Literaturkritiker ist und die Kinder, die gerade das Haus verlassen. Nützliche Fakten für den Roman der falschen Fährten.

Nahaufnahme der Schriftstellerin Delphine de Vigan.

Bildlegende: Delphine de Vigan beschreibt die Grundzüge ihres Lebens nach dem Erfolg ihres Romans «Das Lächeln meiner Mutter». Wikimedia

Aber, gibt es L.? Vielleicht nicht. Denn die Geschichten, die sie über sich erzählt, gibt es nicht. Sie stammen aus ihrem Bücherregal, jede aus einem anderen Roman, wie Delphine später entdeckt. Der Selbstmord ihres Mannes, der Verlust der Stimme eines Morgens beim Aufwachen, die Sterbeszene ihrer Mutter, alles von L. berichtet, alles Literatur.

Die üblichen Verdächtigen

Nur eine ihrer Geschichten kann Delphine im Regal nicht finden. Ist sie echt? Am Schluss legt Delphine de Vigan die Quellen offen. Sie zitiert den Film «Die üblichen Verdächtigen» mit Kevin Spacey und seine berühmte Schlussszene: Die Fahndungsfotos an der Pinnwand im Polizeirevier und die Identität, die sich der Verdächtige daraus herstellt, bevor er verschwindet.

Delphine de Vigan hatte die Wahrheit über ihre eigene Geschichte schon erzählt. Daraus wird ein internationaler Erfolg und ihre Geschichte für die Leser eine grosse Obsession. «Nach einer wahren Geschichte» folgt dieser Obsession und macht sie zum eigentlichen Thema des neuen Romans. Erzählt wird eine atmosphärisch dichte Geschichte um Wirklichkeit und Illusion, Gewissheit und Zweifel. Man kann auch auf Polanskis Film gespannt sein.

Buchhinweis

Delphine de Vigan: «Nach einer wahren Geschichte», DuMont Verlag, 2016.

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