Einsamkeit und Panik: Die Starautorin Yasmina Reza

Yasmina Reza ist die meistgespielte Theaterautorin der Gegenwart. Ihr Stück «Der Gott des Gemetzels» wurde von Roman Polanski verfilmt. In ihrem Buch «Nirgendwo» schreibt die Frau, die selten Interviews gibt, über sich und über ihr Leben.

Porträt der Autorin Yasmina Reza.

Bildlegende: «Ich habe keine Herkunft»: Die Autorin Yasmina Reza spricht zum ersten Mal über ihre schwierige Identität. Keystone

Yasmina Reza ist ein Star. Sie ist eine Person der Öffentlichkeit und zugleich eine Autorin, die auf ihr Privatleben viel Wert legt. Sie ist diskret im Umgang mit sich und den Anderen, im Leben wie in der Arbeit. Ihre grossen, kleinen Stücke «Kunst», «Dreimal Leben», «Der Gott des Gemetzels» sind dramatische Miniaturen voller Schärfe und Genauigkeit. Kaum Handlung, dafür Rede und Gegenrede, alles ohne Pause. Wer redet ist noch nicht tot, könnte man sagen – und ist damit der Zuneigung dieser Autorin sicher.

Luftwurzeln

Jetzt schreibt Yasmina Reza über sich. Sie, die selten Interviews gibt, die nur einmal eine amerikanische Journalistin in ihre Wohnung gelassen hat und bei Auskünften in eigener Sache besonders schweigsam wird. Ihre autobiographischen Skizzen «Nirgendwo» sprechen jetzt zum ersten Mal von ihrer Herkunft und ihrer schwierigen Identität als Iranerin und Jüdin mit ungarischen Wurzeln.

Es sind Luftwurzeln, so scheint es, wenn man diese Texte liest. Sie sind schlicht, gelegentlich eitel und doch von bezwingender Schönheit, melancholisch auch und komisch. In «Nirgendwo» werden Rezas Antriebskräfte spürbar, der Sog in ihrer Persönlichkeit: Einsamkeit und Panik.

Spröder Flirt mit dem Vergänglichen

«Ich hebe nicht nur nichts auf, sondern ich lese auch fast nichts mehr», schreibt sie. Und dann: «Hochmut? Gleichgültigkeit? Nein. Entsetzen. Entsetzen angesichts der künftigen Bedeutungslosigkeit dieser Papierfetzen. Entsetzen angesichts ihrer grausamen Ironie, Entsetzen angesichts der Trauer, Entsetzen angesichts der Zeit.» Ein wenig kokett kann man solche Gedanken auch finden, vielleicht ein spröder Flirt mit dem Vergänglichen.

John C. Reilly, Jodie Foster, Christoph Waltz und Kate Winslet im Film «Carnage».

Bildlegende: John C. Reilly, Jodie Foster, Christoph Waltz und Kate Winslet in Roman Polanskis Verfilmung von «Gott des Gemetzels». Sony Pictures

Aber eher ist es echte Melancholie und zugleich der stets spürbare Abgrund hinter der Fassade ihrer Stücke. Boulevard hat man sie genannt, aber wenn das stimmt, dann nur so wie schon die besten Stücke des Botho Strauss auch Boulevard sind.
Yasmina Reza weiss das. Sie meint es ernst mit der versteckten Melancholie inmitten der Komik. So ernst wie die traurigen Paare und Passanten, die sich in ihren Stücken doch immer so wichtig nehmen.

Der Titel «Nirgendwo» meint Rezas eigenen Ort in der Zeit. Im gelebten Augenblick sieht sie den Verlust in der Zukunft. Das ist traurig, vielleicht banal, aber in diesen Skizzen ist es einfach wahr.

Eindringliche Szenen

Yasmina Reza lebt in Paris, immer schon. Ihre Familie lebt dort. Die Umgebung ist grossbürgerlich, ohne das eigens auszustellen. Es gibt weisse Sofas und rosa Tulpen auf dem Tisch. Der Blick aus dem Fenster geht auf eine kleine Grünanlage. Beim Blick in den Badezimmerspiegel ist der Vater vom Tode gezeichnet. Die Tochter sieht ihn genauso und beschreibt diesen Moment, diesen Schnappschuss der Vergänglichkeit als Komik, als stille Groteske. Aus solchen Short Cuts von wenigen Seiten ist das Buch zusammengesetzt.

Neben dem Vater erzählt Yasmina Reza oft von ihren beiden Kindern. Sie sind heute erwachsen, aber in Rezas Blick werden sie immer der kleine Junge mit dem Schwimmzeug bleiben und die Tochter, die ihr Endlos-Theater mit den Stofftieren aufführt. Als die kleine Tochter ihr Büchlein mit spontanen Aufzeichnungen verliert, ist die Mutter tief betrübt. Denn das, wovon die Tocher darin erzählt hatte, ist verloren. Eben noch gegenwärtig, ist es Teil einer «entschwundenen Welt». Genau wie das «umwerfende Lächeln der Zahnlosen», als die Tochter endgültig ihre Erwachsenenzähne hat. Komisch ist auch das – und eindringlich. So eindringlich wie diese Szenen aus dem privaten Leben der Yasmina Reza.

Buchhinweis

Yasmina Reza: Nirgendwo, Hanser Verlag 2012.

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