Einstieg

Einstieg

Schwarz oder weiss. Links oder rechts. Ja oder nein. Wer wüsste mehr darüber zu erzählen als ich?

Zwischenstufen gebe es, wird gemahnt. Bloss: Mir sind die Zwischenstufen eingestürzt.

Frau Koružnjak habe ich vorher ein Ja geantwortet. Heute hätte aber selbst die böse Frau Stoss ein Ja gekriegt, einerseits, weil es gilt, einen Schein zu wahren, andererseits, weil ich beschwingt bin, denn heute ist es Zeit. Aber bei Frau Koružnjak erfasst mich auch an Neintagen ein kurzes, warmes Jagefühl, wenn ich erst ihr musikalisches Klopfen höre, ihr helles, flinkes, rhythmisches Tak Tak Tak, mit dem Zeigefinger der schlanken rechten Hand getrommelt,wonach sich auf ein Ja oder Stille die Tür öffnet – ein Nein respektiert sie stets – und sie eintritt mit einem Gesichtsausdruck, der sich anfühlt wie die Zunge der Rehmutter fürs krüpplig geborene Rehkitz. Ich glaube, in 72 Jahren habe ich keinen Menschen mit so aufrichtig liebevoller Anteilnahme angeschaut wie es Frau Koružnjak tut. In Zeiten wenn die Neintage zu Neinwochen werden, umspielt die ängstliche Vorahnung ihre Augen, meine Antwort auf ihr sanftes «Wie geht es Ihnen?» könnte Nein lauten. Und wenn mir nichts anderes übrig bleibt, als ihr ein Nein zu geben, bricht mir jedes Mal das Herz.

Wo soll ich sonst hin? Ich bin das Küken, viele hier könnten Mutter oder Vater sein. Aber wohin mit einer wie mir, wenn nicht ins Heim?

Ja und nein. In diese zwei Partikel muss fliessen, was ich denke, fühle, spüre, will. Sie übersetzen mein Innenleben so gut es eben geht. Es gibt dieses Spiel. Man muss dabei erraten, welche Persönlichkeit auf dem Zettel steht, der an der Stirn klebt. Die Mitspieler dürfen Fragen nur mit Ja oder Nein beantworten. Ein lustiges Spiel. Aber wie jedes Spiel verliert es jeden Reiz, wenn man es zu oft spielt. Spätestens wenn man es täglich spielt.

Ja und Nein sind die zwei Worte, die mir nach dem zweiten Hirnschlag vor drei Jahren geblieben sind. Mein Ja ist aber ebensowenig einfach ein Ja wie mein Nein nur ein Nein ist. Es gibt kaum einen Menschen, der variantenreicher Ja und Nein sagen kann als ich. Und doch sind die Möglichkeiten auch für eine Ja-Nein-Meisterin wie mich bald ausgeschöpft.

Doch es ist nur halb so wild, denn es assistieren zu klarerer Artikulation ein gekonnt sich verziehendes halbes Gesicht sowie ein virtuos gestikulierender linker Arm. Keine zwinkert so vielsagend wie ich. Links, versteht sich; das rechte Auge bleibt stets wachsam geöffnet und wird regelmässig mit salzigen Tropfen gepflegt, damit es nicht austrocknet. Nur wenn ich schlafen will, schliesse ich es mit der linken Hand. Gerade so, wie man es bei Toten tut.

Mit dem linken Bein spreche ich nicht. Es dient bloss der Fortbewegung des Rollstuhls und ähnlich Pragmatischem. Links und rechts. Die Hälfte ist mir abhanden gekommen. Was rechts der Wirbelsäule liegt ist lahm und unnütz.

Seit drei Jahren bin ich hier. Nach dem ersten Hirnschlag sass ich im Rollstuhl, aber mir blieb die Sprache, auch wenn ich mich nur nuschelnd jenen verständlich machen konnte, die sich die Zeit nahmen, mein Nuscheln verstehen zu lernen. Frau Koružnjak verstand mich schnell am besten. Den anderen fiel es leichter, als ich mit der Logopädin Fortschritte machte.

Rückblick

Manche sind nah am Wasser gebaut, andere sind sonnige Gemüter. Ich war noch als junge Frau sehr ängstlich. Wo Freundinnen reitende Prinzen und Kinderglück sahen, erkannte ich Vorzeichen lauernder Verzweiflung. Erst als ich zu alt zum Heiraten war und keine Gefahr mehr drohte, ein Mann könnte in diesbezüglicher Absicht hinter mir her sein, fing ich an, mich ganz behaglich in meinem Leben einzunisten. Ich blieb allein, erwartete nicht viel, kriegte das meistens und war recht zufrieden. Nicht glücklich. Aber wer braucht Glück, wenn er zufrieden ist?

Ich habe keine Angehörigen. Weder solche, die mich aus Zuneigung noch andere, die mich aus Pflichtgefühl besuchen könnten. Anfangs kamen hie und da ehemalige Kolleginnen oder die Nachbarin. Doch diese vereinzelten Tropfen meines früheren Lebens sind längst versiegt. Die Narbe ist ein sichtbares Stigma, es zeichnet die gescheiterte Selbstmörderin aber auch ein metaphysisches, das noch verstörender wirkt. Da braucht es schon gute Gründe, nicht fernzubleiben.

Ausstieg

«Jaaa», habe ich zu Frau Koružnjak gesagt und schief gelächelt. Nicht «jaaaa!». Das hätte vielleicht verdächtig gewirkt. «Jaaa», und ihr dabei die Hand gedrückt und über ihren Arm gestreichelt. Ein bisschen zu lang in die Augen geschaut habe ich ihr. Aber ich konnte nicht anders.

Die rheumakranken Finger der linken Hand scheinen einem Flinkhändigen nicht mehr viel zu taugen, aber mir taugen sie noch, um zitternd und träge sich spreizend zwei statt nur eine blutverdünnende Schmerztablette zu verlangen, um eine CD einzulegen und Play zu drücken oder um mir die Pulsader am rechten Arm aufzuschlitzen. Dvořáks Requiem.

Positiv denken. Phasenweise hat es geklappt. Schwarz und weiss. Das Weiss hat sich nach jeder Schwarzphase verdunkelt. Alles tendierte gegen schwarz. Alles tendierte gegen Nein. Natürlich könnte es schlimmer sein. Da haben sie recht. Dass es anderen noch dreckiger geht, versetzt mich aber in kein Hochgefühl.

Ich habe Rosen und Wasser auf den Boden geschüttet, die gläserne Blumenvase in die Bettdecke gewickelt und mit dem tüchtigen linken Fuss zerstampft. Ich habe mich mühsam über die Stuhllehne hinunter gebückt und eine lange, dünne Scherbe ausgesucht. Ich habe im Bad das Lavabo mit Wasser gefüllt. Ich habe meinen lahmen rechten Arm mit der linken Hand ins Wasser gehievt. Jetzt ist es Zeit für den zweiten Versuch, Zeit, alte Narben aufzureissen. Ich spüre keinen Schmerz und schliesse mit der linken Hand mein rechtes Auge. «Dies irae, dies illa», singt der Chor. Tag der Rache, Tag der Sünden.

Schluss

Ich bin im Spital erwacht, und dass ich es wieder tun werde, weiss ich, weil die Gewissheit über mein erneutes Versagen schwerer zu ertragen ist als Frau Koružnjaks Blick, als sie mich vorher besucht hat.

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