Endspiel in der Wüste – Sherko Fatahs Zeitroman «Der letzte Ort»

Der deutsch-irakische Autor Sherko Fatah bewegt sich mit seinem packenden Roman am Puls der Zeit, mitten im Mittleren Osten. Fatah hat viel von der Grausamkeit vorausgesehen, die wir aus dem Fernsehen kennen. Und er kommt wenig überraschend zum Schluss: Gewalt produziert nur neue Gewalt.

Eine Wüste mit Autos.

Bildlegende: «Der letzte Ort» ist ein packendes Wüstendrama, das der Realität sehr nahe kommt. Reuters

Diese Geschichte dreht sich um die Achse Berlin–Bagdad. Albert stammt ursprünglich aus Ostberlin, siedelte aber mit seinen Eltern noch vor dem Mauerfall nach Westen über. Er hat, wie Autor Fatah, eine deutsche Mutter und einen irakischen Vater. Die Herkunft des Vaters war der Grund dafür, dass Albert nach Bagdad zog und dort als Museumsangestellter anheuerte. Dort engagierte er Osama, einen liberalen Sunniten, als Dolmetscher. Osamas deutsche Ader stammt von seiner Mutter, die in Deutschland studierte. «Der letzte Ort» beginnt mit einem Paukenschlag.

Szenen einer Entführung

Eine Terroristengruppe hat Albert und Osama entführt. Wir treffen in einem ersten Versteck irgendwo in der Wüste auf das Protagonistenpaar. Dort verlieren die beiden unter rigider Bewachung den Kontakt zur Aussenwelt. Das Duo wird tagelang von einem Verlies zum nächsten verfrachtet. Die Geiseln werden schwächer und schwächer. Sie werden geschlagen, gedemütigt, mit Waffen bedroht. Sie leiden Hunger und Durst.

Der Autor zeichnet ein realistisches Szenario einer Entführung, wie wir es leider zur Genüge kennen. Dieses Endspiel hat immer neue Spannungsbögen. Mal macht es den Anschein, die Exekution bis hin zur Enthauptung der Opfer stünde unmittelbar bevor. Mal hofft man mit den Protagonisten, dass der Anfang einer Flucht auch ein gutes Ende nimmt. Fatah geizt nicht mit Cliffhängern und retardierenden Elementen. Dieses Wüstendrama ist auch ein wohlgeratener Thriller. Fatah weiss dies und widersteht der Versuchung eines monströsen Showdowns. Das Ende führt ins Offene.

Dialog am Rande der Sprachlosigkeit

Was machen zwei Kumpel, die fast Tag und Nacht dem Tode ins Auge blicken? Sie reden und reden zusammen, und sie umkreisen beide ihr Ich in endlosen Selbstgesprächen. So werden zwei Lebensgeschichten aus Ost und West zusammengeflochten. Von Albert erfahren wir seine gebrochene Familiengeschichte aus der DDR. Der Vater, überidentifiziert mit dem System, die psychisch kranke Schwester eine Metapher für einen maroden Staat.

Vor diesem Hintergrund erscheint Alberts Wüstenabenteuer wie eine Flucht vor der Wahrheit. In der höchsten Not im menschenleeren Nordirak wird Albert klar, dass sein Leben vorzeitig scheitern könnte. Osama seinerseits hinterfragt sich natürlich, warum er sich mit dem seit der Haft unberechenbaren Fremden eingelassen hat. Von seinen Landsleuten wird der Einheimische jedenfalls der Spionage verdächtigt.

Zeitgeschichte im Roman

Sherko Fatah gelingt es, hinter die Fassade des Kriegsalltags im Nordirak zu leuchten. Unter Einbezug krimineller Machenschaften, die in diesem Sumpf Blüten treiben. Wie zum Beispiel der Kulturgüterdiebstahl und -handel. Auch Osama war vor seiner Entführung in einen solchen Fall verwickelt.

Es ist beeindruckend, wie Sherko Fatah den Einzelfall im grossen Ganzen der Terrorregimes dieser Region aufgehen lässt – und umgekehrt. So sehen wir verschiedene Gesichter der Gewalt. Albert wie Osama kommen körperlich und mental brutal an ihre Grenzen. Ihre Lebensentwürfe scheinen gescheitert. Und wie die Geschichte ausgeht? Offen! Alles andere entspräche nicht der Spannung dieses Romans.

Buchhinweis

Sherko Fatah: «Der letzte Ort», Luchterhand, 2014.

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