Erschütternd und poetisch: das Debüt von US-Veteran Kevin Powers

In seinem Erstlingsroman «Die Sonne war der ganze Himmel» schreibt der US-Veteran Kevin Powers über den Irakkrieg. Der 32-Jährige erzählt eine aufwühlende Geschichte über eine Männerfreundschaft im Krieg – kraftvoll und poetisch.

Panzer in der Wüste Iraks.

Bildlegende: Sand, Himmel, Panzer: Truppen sind auf dem Vormarsch, rund 30 Kilometer südlich von Bagdad im Jahr 2004. Keystone

Der 21-jährige Bartle, Protagonist in Powers Roman, gibt vor dem Abflug in den Irakkrieg ein unmögliches Versprechen: Er verspricht der Mutter seines Kameraden Murph, er werde auf ihn aufpassen und ihn heil nach Hause bringen. Doch Murph stirbt, Bartle überlebt. Und das quält ihn.

Kevin Powers weiss, wovon er schreibt. 2004 und 2005 war er ein Jahr lang als Maschinengewehrschütze im irakischen Al Tafar stationiert. Er hat zwar keinen Freund verloren, aber er kennt die verwirrenden Gefühle und die innere Leere.

Ein unmögliches Versprechen

Autor Kevin Powers.

Bildlegende: Kevin Powers schrieb sich im Alter von 17 Jahren in der US-Army ein. Marsha Miller

Und eigentlich wusste Bartle es ja: Er würde dieses Versprechen nicht halten können. Powers schreibt: «Der Krieg würde sich nehmen, was er bekam. Ihm war egal, ob man geliebt wurde oder nicht.»

Der Krieg ist die Hölle für die viel zu jungen Männer. Töten gehört zum Alltag: «Ich war erleichtert, dass wir ihn gemeinsam erschossen, denn es war angenehmer, nicht genau zu wissen, ob man selbst der Todesschütze gewesen war. Doch ich wusste es. Ich hatte ihn getroffen.»

Jeder kann auch selbst getötet werden. Doch man beruhigt die Soldaten: «Solltet ihr fallen, da könnt ihr sicher sein, dass wir euch mit dem ersten Flugzeug nach Dover bringen. Euren Familien wird grosse Ehre zuteilwerden.»

Unsichtbare Verletzungen

Bartle kommt unverletzt nach Hause. Aber die meisten Verletzungen der Irakveteranen sieht man nicht. Sie kommen als kaputte Menschen zurück, mit verwirrenden Gefühlen: Schuld, Wut, Trauer, Scham.

Bartle wird in den USA gefeiert. Das macht ihn verrückt. «Ich habe das Gefühl, von innen aufgefressen zu werden, aber das kann ich niemandem erzählen, weil alle so dankbar sind. Weil ich weder unhöflich sein will, noch verraten möchte, dass ich keine Dankbarkeit verdient habe, dass mich jeder für meine Taten hassen müsste.»

Danke. Bitte. Bombe.

Genau drei Wörter kennt der junge Soldat auf Arabisch: Shukran. Afwan. Qumbula. Das muss reichen. Er hat den Aufrag, die «Haddschis» zu verjagen und auf sie zu schiessen. Sie schiessen auf ihn. Später kehren sie zurück und er winkt ihnen zu, wenn sie unter den grünen Stoffdächern sitzen und Tee trinken. Den Kindern, die ihn bald bekämpfen würden, wirft er Süssigkeiten zu.

Kevin Powers schreibt schonungslos und ehrlich über den Krieg und über das, was er mit den Menschen macht. Die Soldaten sind gestresst und erschöpft. Einer reibt sich sogar Tabasco in die Augen um wach zu bleiben.

Ein Antikriegsbuch

Es gibt einzelne Szenen, die einen noch lange verfolgen. Wenn zum Beispiel ein Hund mit einem zerfetzten Arm eines Gefallenen zwischen den Zähnen davon rennt. Später schaut Bartle auf seine Zeit im Irak zurück: «Ich ahnte damals nicht, wie grausam meine Abgebrühtheit war.»

Powers klagt nicht an und verzichtet auf politische Analysen. Doch seine Schilderungen vom Kriegsalltag und von den seelischen Nöten der Heimkehrer machen das Buch automatisch zum Anti-Kriegsbuch.

Buch-Hinweis

Kevin Powers: «Die Sonne war der ganze Himmel». S. Fischer, 2013.

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