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Literatur Evelyn Waugh verulkt die Exzesse der englischen Oberschicht

Evelyn Waugh (1903-1966) war ein beinharter Zyniker und Kulturpessimist. Er enthüllte gnadenlos die Kuriositäten und Torheiten seiner eigenen Schicht, der Upper Class. Waughs Erstlingroman «Untergang und Verfall» erscheint nun in einer neuen deutschen Übersetzung.

Nahaufnahme von Waugh
Legende: Evelyn Waugh hielt sich als Schrifsteller meist in der englische Mittel- und Oberschicht auf. Keystone

Man muss sich das einmal vorstellen: Da zerzaust ein blutjunger, erst 25-jähriger College-Lehrer und Journalist die Welt, die er am besten kennt: die englische Oberschicht mit ihrem penetranten Klassendünkel.

Kaum ist Waughs Lehrer-Held Paul Pennyfeather in den Fängen einer Millionärin, gibt sie ihm schon wieder den Schuh. Und er landet dort, wo er herkommt: in einem verschmockten walisischen College. So unverblümt ist der Plot von Waughs Debüt, das erstaunlich frühvollendet, abgeklärt und souverän ist, was den Einsatz der Mittel betrifft.

Echt britischer Humor

Waugh hat einen dankbaren Stoff, das College, er hat eine Dramaturgie, die sitzt, und vor allem ein Händchen für hochkomische Dialoge:

«Ich frage mich, ob mir der Lehrerberuf gefallen wird», überlegte Paul.
Es dauerte nicht lange, da kam ein älterer Mann ins Lehrerzimmer: «Hallo», begrüsste er Paul.
«Hallo!», sagte Paul.
«Wollen Sie einen Schluck Port?»
«Danke, sehr gern.»
«Aber es gibt nur ein Glas.»
«Ach so. Macht nichts, dann eben nicht.»
«Sie könnten sich das Zahnputzglas aus Ihrem Zimmer holen.»
«Ich weiss noch nicht, wo das ist.»
«Oh. Na ja, egal. Dann trinken wir an einem anderen Abend. Sie sind bestimmt der neue Lehrer?»

Sohn aus zünftigem Haus

Evelyn Arthur St. John Waugh wurde 1903 als Sohn eines bekannten Literaturkritikers und Verlegers geboren. Sein Studium brach er ab, da er Maler werden wollte. Daraus wurde aber nichts. Waugh versuchte sich dann als Lehrer. Aus Protest gegen jeglichen Intellektualismus wollte er später auch Schreiner werden. Am Ende wurde er dann doch Schriftsteller. Viele Romane Waughs wie eben auch «Verfall und Untergang» spielen in der englischen Mittel- und Oberschicht. Waugh konvertierte zum Katholizismus. Er war ein in der Wolle gefärbter Konservativer und befürwortete als solcher unter anderem die Politik von Franco und Mussolini.

Held Pennyfeather

Der Held ist Waise. Er hat einen Vormund. Und er ist vom College in Oxford geflogen, weil er nachts im Rahmen einer Schulfete unfreiwillig in Unterhosen über den Schulhof gehuscht ist. Paul heuert dann in einer walisischen Privatschule als Lehrer an. Eine seiner ersten Aufgaben ist die Organisation eines Sportfests. Der Sport ist eher Nebensache, denn die Eltern der Zöglinge tauchen auf und werten damit das Sportfest zu einer Gesellschaftsparty auf.

Diese Parade der Eitelkeiten ist eine Sinnenfreude. Eine der schillerndsten Figuren unter den Gästen ist die steinreiche Mrs. Beste-Chetwynde. Ihr Sohn Peter gehörte zu Pauls Zöglingen. Sie wirft ein Auge auf Paul. Später lotst die Bordellbesitzerin Paul in ihre Villa nach London. Es kommt fast zur Hochzeit des vertrauensseligen Habenichts mit der durchtriebenen Halbweltfrau.

Diese bringt Paul zwischenzeitlich ins Kittchen, holt ihn aber wieder heraus und entlässt ihn aus der ungleichen Liaison. Wohin? Ausgerechnet wieder ins College, wo man Paul hochkant rausgeworfen hatte. «Ups, Mr. Waugh!», entfährt es einem da. Denn dies entbehrt jeglicher Plausibilität. Ansonsten lässt der Autor das halbe Romanpersonal in immer wieder neuen, überraschenden Konstellationen sternförmig paradieren. Alle Handlungsfäden führt er immer wieder schlüssig zusammen.

Der konservative Autor

Paul ist ein beinharter Stoiker. Er akzeptiert sein Schicksal in jeder Lage absolut klaglos. Das ist genau das konservative Element. Man bewahrt die schlechteste aller Welten, weil sie immer noch die bestmögliche ist. Es wäre demnach verfehlt, Waugh fundamentale Gesellschaftskritik zu unterstellen. Er zieht mit seiner Radikalsatire und dem rabenschwarzen Humor nur den Exzess seiner trotteligen Umwelt durch den Kakao. Und man darf nicht vergessen: Nur die Engländer konnten schon immer besser über sich selbst lachen als man es anderswo tut.

«Verfall und Untergang» von 1928 ist in keinem Moment eine Abrechnung mit einer Klasse. Und auch nicht primär eine Anspielung an Oswald Spenglers Schrift «Der Untergang des Abendlandes» von 1918. Es reicht der kleinere Masstab. Waughs Erstling ist eine einzige prächtige und lustvolle Übertreibung. Das kann nur Literatur. Uns soll es recht sein.

Literaturhinweis

Evelyn Waugh: «Verfall und Untergang», aus dem Englischen von Andrea Ott, Diogenes, 2014.

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