Frischs Fiche: Geschwärzte Stellen verbergen wenig Brisantes

Über 40 Jahre lang haben die Bundesbehörden Frisch überwacht. In seiner Fiche waren bisher gewisse Stellen geschwärzt. Frisch wollte seine Akten komplett einsehen, durfte aber nicht. Der «Tages-Anzeiger» hat das nun für ihn erledigt – aber wenig Neues entdeckt, so Frisch-Biograf Julian Schütt.

Max Frisch.

Bildlegende: Pfiff öfters auf Konventionen: Max Frisch. Keystone

SRF Kultur: Sie haben sich selber einen Überblick über die neu veröffentlichte, ungeschwärzten Fiche von Max Frisch verschaffen können. Zuerst einmal: Wie umfangreich ist diese Fiche?

Julian Schütt: Es sind sechs Karteikarten. Auf diesen Karteikarten hat es drei oder vier Prozent geschwärzte Stellen, die man jetzt lesen kann. Bei einigen dieser geschwärzten Stellen wusste man aber schon vorher, um wen es sich handelt.

Ich habe mir erhofft, dass sich hinter diesen schwarzen Stellen prominente Leute verbergen: Spione, Bundesbeamte, informelle Mitarbeiter, die von öffentlichem Interesse waren. Nichts dergleichen ist aufgetaucht. Es handelt sich zum Beispiel um einen 27-jährigen russischen Informanten, der prahlt, er kenne Frisch und Dürrenmatt und habe einen guten Kontakt zu ihnen. Das wird dann einfach so tel quel wiedergegeben.

Wieso wurden denn diese Stellen geschwärzt?

Das Persönlichkeitsrecht spielt hier wohl eine Rolle. Einmal taucht beispielsweise der Name von Frischs Tochter auf. Man wollte wohl nicht, dass er erfährt, dass seine eigene Tochter erwähnt wird. Wirklich Brisantes versteckt sich hinter diesen geschwärzten Einträgen aber nicht.

Der «Tages-Anzeiger» behauptet, Sie seien – als Biograf von Max Frisch – der Ansicht, die Behörden hätten Frisch demontieren wollen. Nun sind auch die geschwärzten Stellen sichtbar. Haben Sie in Ihrer Einschätzung denn übertrieben?

Man muss die Fichen in einen Zusammenhang stellen – den Zusammenhang des Kalten Kriegs. Wenn jemand 42 Jahre überwacht wird, ist es blauäugig zu glauben, dass das keine Spuren hinterlässt. Das ist kein Kavaliersdelikt.

Hinter diesen Fichen-Einträgen verbirgt sich immer auch eine Geschichte. Frisch sagt das selber im Fichen-Bericht. Leute fanden plötzlich keine Arbeitsstelle, weil sie vielleicht fichiert waren. Er selbst vermutete, dass der Hauseigentümer-Verband ihm keine Wohnung in Zürich vermitteln wollte.

Es gibt eingebildete, aber auch tatsächliche Phobien. Die Fichen sind nicht harmlos – selbst wenn sie aus Routine entstanden und Frischs Fiche nur eine von vielen war. Das heisst deshalb nicht, dass dieses einzelne Schicksal die Leute nicht betrifft, sie nicht kränkt. Oder dass sie diese nicht als Versuch werten, demontiert werden zu können.

Welche Bedeutung hat denn die Fiche für das Verständnis von Max Frisch im Umfeld des Kalten Kriegs?

Die Fiche ist nur ein «Paket» in diesem ganzen Polarisierungs-System, das der Kalte Krieg war. Ein System – und das zeigt sich auch in den Fichen – in dem vor allem Linke fichiert wurden.

Natürlich steckt da eine Absicht des Staates dahinter: Warum soll man sonst Leute überwachen? Man hat diese Leute als potenziell gefährlich eingestuft, als staatsgefährdend. Deswegen hat man auch den finanziellen Aufwand betrieben und sie überwacht.

Die Fiche ist aber nur ein Partikelchen in diesem System. Frisch hat aus zuverlässigen Quellen erfahren, dass der Bundesrat und die Armeespitze ihn phasenweise als Landesverräter und Staatsfeind eingestuft hat. All das bedeutete für Frisch: Dieser Staat, an dem er konstruktiv Kritik geäussert hat, zahlt es ihm zurück, indem er ihn fichiert.

Hat denn die Offenlegung der Fiche nun doch Ihre Beurteilung von Max Frisch zumindest ein wenig verändert?

Ich würde das gerne zugeben, weil ich als Biograf grundsätzlich immer gerne etwas Neues erfahre. Es handelt sich aber bei der «Tages-Anzeiger»-Recherche höchstens um rund ein Dutzend nun ungeschwärzte Sätze. In diesen Sätzen spielt Frisch kaum eine Rolle.

Ich habe schon tausende Seiten, Texte, Briefe und so weiter gelesen, die Frischs Bild – oder seine Bilder – wirklich prägen. Es fällt mir schwer, aus diesen wenigen Sätzen ein neues Bild von Frisch herauszulesen. Das ist mir nicht möglich. So verdienstvoll es vom «Tages-Anzeiger» ist, dass er die Fiche aufgearbeitet hat.

Zur Person

Zur Person

SRF / Oscar Alessio

Julian Schütt ist Autor von «Max Frisch, Biographie eines Aufstiegs» (Suhrkamp, 2011). Schon vorher hat Julian Schütt die Bände «Max Frisch. Jetzt ist Sehenszeit» (1998) und «jetzt: max frisch» (2001) herausgegeben. 1998 konzipierte er die erste umfassende Frisch-Ausstellung, die in München, Berlin, Frankfurt und Zürich gezeigt wurde.

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