«Funny Girl»: Humor mit Burka und kugelsicherer Weste

In seinem neue Roman «Funny Girl» erzählt der Neuseeländer und Wahl-Londoner Anthony McCarten die Geschichte der jungen Londoner Muslimin Azime, die gegen den Willen ihrer Familie und ihres Umfelds Komikerin wird. Vorbild ist die britische Star-Komikerin Shazia Mirza.

Eine junge Frau mit Burka.

Bildlegende: Humorfreie Zone in der islamisch-arabischen Welt? Ein unbegründetes Vorurteil, wie McCarten und Mirza beweisen. Keystone

Die 20-jährige Kurdin Azime wächst im Londoner Viertel Green Lanes auf, im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Heimlich besucht die Muslimin einen Comedy-Kurs. Nach den Terroranschlägen in London am 7.7.2005 beschliesst sie, nicht mehr länger zu schweigen. Sie wagt sich auf die Bühne und reisst Witze wie: «Sagt mal, bringt das hier meine Bombe gut zur Geltung?». Gemeint ist ihr Kostüm: Azime trägt auf der Bühne eine Burka.

Von Kritikern wird die junge Stand-up-Comedian hoch gelobt. Von der Familie erst verstossen. Von Glaubensbrüdern aufs Heftigste beschimpft. Sogar Morddrohungen bekommt sie. Doch Azime gibt nicht auf. Sie setzt alles daran, sich von althergebrachten, patriarchalen und religiösen Zwängen zu befreien.

McCartens Vorbild

Die Vorlage für die eigenwillige, junge Muslima liefert die ausgezeichnete englische Komikerin Shazia Mirza. Anthony McCarten lernte sie 2005 kennen, dass ihr Leben Inspirationsquelle war, hat er ihr allerdings bis heute nicht verraten.

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Shazia Mirza über ihre Rolle als Komikerin

0:21 min, vom 25.6.2014

Mirza wächst in Birmingham in einer aus Pakistan emigrierten Familie äusserst konservativ auf; mit drei Brüdern, die völlig anders behandelt werden als das Mädchen. Während ihre Freundinnen Steptanzunterricht nehmen, muss sie den Koran studieren. Ihre Freiheit: zur Schule gehen zu dürfen. Mirza wird Biochemikerin und unterrichtet in London. Heimlich tritt sie – erst nebenbei, dann hauptberuflich – als Komikerin auf. Erst als das Fernsehen anklopft, gesteht sie ihren Eltern, dass sie Stand-Up-Comedian ist. Die wollen es erst nicht wahrhaben – «sie wird bald wieder in Ordnung sein», meinen sie.

Mirza bekommt Morddrohungen. Heute sagt sie selbstsicher: «Eine Morddrohung ist der Beweis dafür, dass man es richtig macht.» Selbst zu Beginn ihrer Karriere zweifelt sie nicht an der Richtigkeit ihrer Entscheidung.

Eine steile Karriere

Legendär ist ihr Witz, mit dem sie drei Wochen nach dem 11. September 2001 als Newcomerin ihre Show begann: «Hallo, mein Name ist Shazia Mirza. Wenigstens steht das so in meinem Pilotenschein.» Der Witz schlug ein wie eine Bombe und begründete ihre Karriere.

Tabus kennt die mehrfach ausgezeichnete Komikerin höchstens, wenn es um den Propheten Mohammed geht. Ansonsten nimmt die gläubige Muslimin ihre eigene Tradition, Konservatismus und Fundamentalismus aufs Korn. Und: die gesellschaftliche Rolle der Frau, arrangierte Ehen und Keuschheit vor der Hochzeit.

Auf der Bühne sagt Shazia Mirza: «In meiner Familie tragen alle Frauen die Burka. Das ist praktisch, denn sie haben alle denselben Pass.» Und: «Ich freue mich auf meine Hochzeit. Dann lerne ich endlich meinen Mann kennen. Doch meine Freundin July fragt mich: ‹Wie kannst Du mit einem schlafen, den Du nicht kennst?› Ich antworte: ‹Das machst Du doch die ganze Zeit›.»

Neues Programm mit schusssicherer Weste

Shazia Mirza tritt heutzutage rund um den Globus auf. Als Botschafterin der islamisch-arabischen Welt könnte man meinen, die – entgegen der landläufigen Meinung im Westen – selbst in islamischen Ländern keine humorfreie Zone ist. Im Gegenteil: Humor hat Tradition. Mit bitterbösen Karikaturen macht man sich zum Beispiel über die Machthaber, über Würdenträger, Scheinheiligkeit und übertriebene Religiosität lustig.

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Shazia Mirza kauft eine schusssichere Weste

0:58 min, vom 25.6.2014

Von Botschaft will die Mittdreissigerin allerdings nichts wissen. Sie wolle einfach die Menschen zum Lachen bringen. Damit feiert sie Erfolge, ruft aber auch Gegner auf den Plan. So kommt es, dass man ihr kürzlich im Ausland eine kugelsichere Weste für ihren Auftritt empfahl. Die Anekdote, wie sie sich eine solche besorgen wollte, wird übrigens Bestandteil ihres neuen Programmes sein.

Buchhinweis

Anthony McCarten: «Funny Girl». Diogenes, 2014.