«Gertrud Leuteneggers Nominierung für den Buchpreis ist verdient»

«Panischer Frühling» von Gertrud Leutenegger hat es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Vier Jahre ist es her, seit zum letzten Mal ein Schweizer Werk auf der Liste stand. Die Shortlist 2014 könnte ein Umdenken der Jury signalisieren.

Porträtbild einer Frau mit halblangen grauen Haaren, halbnah

Bildlegende: Die Schriftstellerin Gertrud Leutenegger hat in Zürich Regie studiert und war Regieassistentin von Jürgen Flimm. Keystone

Auf der Shortlist für den Preis «bester deutschsprachiger Roman 2014» steht «Panischer Frühling» von Gertrud Leutenegger. Es ist das erste Mal nach vier Jahren, dass wieder ein Schweizer Titel vertreten ist.

Es ist eine Mischung aus Liebesgeschichte, Familienroman und Städteporträt. «Der Roman ist sprachlich hervorragend, sehr poetisch und geheimnisvoll. Stellenweise erinnert er fast an ein Märchen. Für mich ist ‹Panischer Frühling› die wichtigste Schweizer Neuerscheinung dieses Jahres», sagt SRF-Literaturredaktorin Luzia Stettler.

Erst zum dritten Mal ein Schweizer Buch

Die Geschichte spielt im Frühling 2010, als ein isländischer Vulkan den Flugverkehr über Europa praktisch lahmlegt. Plötzlich ist es ruhig über London. In diesem Ausnahmezustand lernt eine Frau mit unbestimmtem Alter, die sich in London eine Auszeit nimmt, auf einem Spaziergang den jungen Zeitungsverkäufer Jonathan kennen. Er hat ein auffälliges Merkmal: Eine Gesichtshälfte ist komplett entstellt. Es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen ihnen, und mit wachsender Intimität werden auch die Geschichten persönlicher, die sie sich gegenseitig aus ihrer Vergangenheit erzählen. Luzia Stettler: «Das Buch lässt sich ebenso als eine Hommage an London lesen. An eine Stadt, die verschiedene Gesichter hat, anziehende und erschreckende.»

Der Deutsche Buchpreis wird dieses Jahr zum zehnten Mal verliehen. Bisher wurden erst zwei Schweizer Titel für das Finale nominiert: Im Jahr 2008 Rolf Lappert mit «Nach Hause schwimmen» und 2010 die Zürcherin Melinda Nadj Abonji mit «Tauben fliegen auf».

Melinda Nadj Abonji war die erste Schweizerin, die den Preis auch gewann. Sie räumte dann vier Wochen später auch noch gleich den Schweizer Buchpreis ab. Rolf Lappert schaffte in seinem Jahr zwar nicht den Sieg in Deutschland, aber immerhin auch in der Schweiz: Er war der der erste Gewinner des damals neu lancierten Schweizer Buchpreises.

Shortlist zeigt ein neues Literaturverständnis

Weiter nominiert sind Thomas Hettche («Pfaueninsel»), Angelika Klüssendorf («April») und Thomas Melle («3000 Euro»), die bereits in früheren Jahren nominiert waren. Weiter der Lyriker Lutz Seiler, der mit «Kruso» seinen ersten Roman vorgelegt hat. Und schliesslich Heinrich Steinfest («Der Allesforscher»), den man primär als Krimiautor kennt.

Dass ein Krimiautor, den man landläufig eher dem Unterhaltungssektor zurechnet, nominiert wird, zeigt eine gewisse Öffnung. Ein Wegkommen der Jury von einem hohen literarischen Anspruch an ein breiteres Literaturverständnis. «Das ist ein positives Signal», findet Luzia Stettler.

Die am 13. August veröffentlichte Longlist hatte noch 20 Titel umfasst, darunter auch Lukas Bärfuss' Roman «Koala» und Charles Lewinskys «Kastelau». Insgesamt sichtete die Jury 176 Titel von Verlagen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Gewinner des Deutschen Buchpreises erhält 25'000 Euro, die restlichen fünf Finalisten 2500 Euro.